Die Reggae Boyz sind gelandet. Mittelfeldspieler Fitzroy Simpson nimmt seinen türkisfarbenen Plastikkoffer vom Laufband. Kameras, Blitzlichter und entschlossene Gesichter rasen auf ihn zu. Jemand hält ein riesiges, pelziges Mikrophon über seinen Kopf. Fitzroy sagt kurz irgend etwas. Als er gehen will, stellt sich ihm eine junge japanische Journalistin in den Weg. "Schöner Koffer", lächelt sie. "Schöner Körper", sagt Fitzroy und springt in den Teambus. Die Fans schwenken grüngelbe Reggae-Boyz-Fahnen.

Seit der WM-Qualifikation ist in Jamaika Fußball neben Sex das Schönste auf der Welt. Und die Reggae Boyz sind Popstars, Werbeträger, Heilige. "Im Fußball geht es nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr", schreibt der Jamaican Sport Observer. Bei dieser WM geht es um die Ehre Jamaikas und der gesamten Karibikregion. Auf der Kricket- und Reggaeinsel kickten bisher nur Gangmitglieder und Kinder. Aber plötzlich will jeder Fußball spielen. Firmen arrangieren Wettkämpfe, und an jedem Spielfeld stehen gut gekleidete Geschäftsleute, die sich früher nie ein Match angesehen hätten, und brüllen aufgeregte Kommentare ("Pressure! Pressure!").

Ian "Pepe" Goodison ist einer der Stars der Nationalelf. Er hat das Herz eines Löwen und Sinn für Timing. Als der rechte Verteidiger sich im Spiel gegen Mexiko das Knie verletzt, kämpft er weiter, trotz des brennenden Schmerzes. "Lieber sterbe ich, als jetzt das Feld zu verlassen", ruft er und macht in der 84. Minute mit einem ungeheuerlichen Kopfball das Tor zum 1:0, das den Reggae Boyz ihren bisher größten Erfolg bringt.

Das war vor eineinhalb Jahren. Bis heute hat Jamaika keine professionelle Liga und nur vorsintflutliche Trainingscamps. Auf den in den Ghettos üblichen Joint vor einem Match müssen die Nationalspieler auch verzichten. "Sie tun mir fast schon leid", grinst ein Nachwuchstalent, "Fußball ohne Kiffen macht doch keinen Spaß." Daß die Reggae Boyz nüchtern, diszipliniert und - fast immer - pünktlich sind, ist alles einem kleinen Mann zu verdanken, der aus Brasilien kam (wo er den Verein Mesquita trainierte), um den Fußball nach Jamaika zu bringen: Rene Simoes (Spitzname "Professor") hat eine nahezu unmögliche Mission erfüllt, "The Road to France". Das Geheimnis seines Erfolges? "Jeder Mensch ist ein Dreieck", sagt der Professor, auf dessem Hemd "Jesus Saves" steht, "und braucht eine Kombination aus körperlichem, psychischem und religiösem Training." Die Reggae Boyz beten vor jedem Spiel und vor jedem Flug. Bei internationalen Spielen und vor Überseeflügen dauert die Andacht etwas länger. Die meisten danken Gott jeden Morgen, daß sie leben und daß die Sonne scheint. Sogar Ian "Pepe" Goodison, der vom Beten nichts hält, glaubt, daß die Teilnahme an der WM eine Reise zu Gott ist.

Der Fußball ist in Jamaika dazu bestimmt, zum Gral der Glückseligkeit zu werden. Er verheißt dem ganzen Land weltliche und himmlische Freuden. Selbst als Bob Marley "One Love" sang, fühlten sich die Jamaikaner nicht so einig wie jetzt. Beim Qualifikationsmatch lagen sich die Todfeinde Premierminister Percival Patterson und Oppositionsführer Edward Seaga glücklich in den Armen. Selbst die Wahlen im Dezember verliefen erstmals fast gewaltfrei. Die Hüter des Heiligen Grals sind elf Auserwählte, deren Gesichter allgegenwärtig sind. Jeder Taxifahrer hat ein Photo von ihnen im Fenster. Der professionelle Götzendienst versucht sein Glück mit Reggae-Boyz-Teddybären, Kühlschrankstickern, Telephonkarten, Mützen und natürlich den gelb-grünen T-Shirts.

Weil die jamaikanischen Vereine kein Geld haben, brauchen die Spieler Sponsoren. Damit sie wenigstens ein Gehalt von umgerechnet etwa 3000 Mark monatlich bekommen, entstand die Initiative "Adopt a Player". Torwart Warren Barrett etwa kriegt sein Geld von der Brauerei Red Stripe, Ian Goodison von der Fast-food-Kette Burger King. Jamaikas Helden spielen mit. Sie lassen sich in Abendanzüge stecken, zu Dinners kutschieren, Sponsoren vorführen und herumreichen. Der Autohändler Richard Stewart beispielsweise will dem besten jamaikanischen Spieler zum Ende der WM einen Suzuki Vitara schenken. Stewart ist ein dicker, weißer Mann mit rosa Gesicht, der sehr stolz auf seine Idee ist. Gehorsam kommen ein paar der Reggae Boyz ins Autohaus, werden photographiert, geben Autogramme und sind nach wenigen Minuten wieder weg. Draußen ist eine kleine Bar aufgebaut, zwischen den wenigen Gästen werden Fußbälle mit Spielerautogrammen verlost. Ein Taxifahrer, der zusieht, erklärt, daß Suzuki "scheiße" sei, Nissan und Toyota hätten den höheren Wiederverkaufswert. Außerdem wünsche sich jeder Jamaikaner einen BMW. Mit einem kleinen Kichern: "Das ist doch die Abkürzung für Bob Marley and the Wailers."

Das Viertel im Westen Kingstons, in dessen Straßen Verteidiger Ian Goodison als Kind Fußball spielte und wo er seine ersten Joints rauchte, gilt als gefährlichstes Ghetto der Stadt. Der 25jährige hat vier Schwestern, einer seiner sieben Brüder ist ein inselbekannter Gangster. Goodison lächelt nie und läßt sich höchst selten zu Interviews herab, mit der heimischen Presse spricht er überhaupt nicht. "Wenn wir mal verlieren, schreiben die Arschlöcher sofort, daß wir jeden Tag shoppen gehen."