Andreas Okopenko, nie gehört? Von den einschlägigen Literaturlexika wird er übereinstimmend als "einer der wichtigsten Repräsentanten der Gegenwartsliteratur in Österreich" gepriesen. 1970, als kaum jemand von Hypertext sprach, schrieb er, ohne es zu wissen, einen der ersten Hypertextromane: "Lexikon einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden", kurz "Lexikon-Roman" genannt.

Unterteilt in Stichworte, angerichtet von A. bis Zz., inklusive entsprechender Querverweise, ist der Text aufgebaut wie ein Lexikon. Aber auch eine Handlung gibt es: Vordergründig geht es um den Chemiekaufmann J., der mit dem Schiff auf der Donau zum Exporteurtreffen in Druden reist. Hintergründig, nun ja, geht es um die Geschichten, die überall verborgen bleiben.

Wer Romane immer auf der letzten Seite anfängt, hat schlechte Karten. Unter dem Eintrag Zz. stößt er zwar auf Verständnis, aber dann auf den Hinweis, unbedingt die Gebrauchsanweisung aufzusuchen. Dort findet sich gleich die Einschränkung, daß das Modell noch nicht perfekt ist. Ein früher Hinweis darauf, daß Papier nicht das richtige Medium für einen solchen Roman ist.

Somit bot sich der Lexikon-Roman geradezu an, als der Kommunikationsexperte Franz Nahrada 1989 nach etwas suchte, mit dem er die Multimediafähigkeiten des Apple Macintosh demonstrieren könnte. Zur Umsetzung des Projektes rief er, zusammen mit dem Programmdesigner Wolfgang Biró und der Graphikerin Alfgard Kircher, die Gruppe Libraries of the Mind ins Leben. In der Folgezeit stießen noch der Komponist Karlheinz Essl, der Historiker Georg Hauptfeld und die Photographin Krista Kempinger hinzu. Auch Okopenko ist unter dem selbstgewählten Titel "poetischer Begleiter" mit von der Partie.

Während die Umsetzung der einzelnen Ebenen (Text, Graphik, Musik) recht schnell vorankam, steckten die Tücken im Detail. Die Programmierung und Integration der einzelnen Teile verzögerte sich immer weiter. Nach fast acht Jahren ist der Elektronische Lexikon-Roman (Elex) nun aber doch noch fertig geworden. Die Hypertextstruktur ähnelt der des World Wide Web: Das Anklicken eines mit einem Pfeil versehen Stichwortes genügt, und der zugehörige Artikel erscheint auf dem Bildschirm. Text, Graphiken, Photos sowie eine Lexikon-Sonate, die in Echtzeit bei jeder Lektüre neu entsteht, schaffen einen optisch-akustischen Raum. Ergebnis ist eine multimediale Umsetzung, die die Konzeption des Romans aufgreift und auf ideale Weise ergänzt.

Seit Mai ist der Elex nun als CD-ROM erhältlich, allerdings nur für den Macintosh. Eine betriebssystemunabhängige Version ist geplant, die dann auch online zugänglich ist. So könnte dann Okopenkos Traum verwirklicht werden, nach dem die Leser gemeinsam am Mikrokosmos Lexikon-Roman weiterbasteln sollen.

Das Ende dieses Artikels nähert sich bedrohlich, aber keine Angst, folgen Sie einfach den Verweisen (oder Links, wie man im Computerjargon sagt) zur ISBN 3-216-30264-4 (Lexikon-Roman auf Papier) oder auf die Internet-Seiten des Elex (www.essl.at/bibliogr/elex.html).