Wissenschaft gilt als objektiv und der Wahrheit verpflichtet. Werden doch einmal Fälschungen aufgedeckt, folgen meist ritualhafte Beschwörungssprüche: Solche Skandale seien Einzelfälle; Unlauterkeiten würden unweigerlich erkannt - spätestens dann, wenn andere Forscher dieselben Versuche durchführen und feststellen, daß sich die gefälschten Resultate nicht reproduzieren lassen.

Typisch für diese Haltung ist ein Statement des Präsidenten der National Academy of Sciences, der nach der Aufdeckung eines der großen Fälschungsskandale in den USA sagte: "In der wissenschaftlichen Forschung werden Unlauterkeiten unweigerlich erkannt, weil sich das wissenschaftliche System durch eine wirksame demokratische Selbstzensur auszeichnet. Fälscher sind selten, es handelt sich dabei um Psychopathen."

Diesem positiven Bild widerspricht die Häufung der entdeckten Fälschungen der vergangenen zwanzig Jahre; vieles deutet darauf hin, daß die großen Skandale nur die Spitze des Eisbergs sind. Unter der Oberfläche schlummern unentdeckte Fälschungen, kleine Schwindel, absichtliche Unterlassungen und grobe Fahrlässigkeiten. Würde man alldem noch die alten Fehler zurechnen, die infolge des paradigmatischen Denkens der "normalen Wissenschaft" zustande kommen, bliebe von der postulierten Objektivität und Wahrheitstreue nicht viel übrig.

Diese These wird durch viele einzelne Studien gestützt. Einige Beispiele:

Als 1974 in einer Untersuchung 1309 Forscher nach ihren Erfahrungen mit Ideendiebstahl befragt wurden, gaben 25 Prozent an, daß ihre Ideen von anderen gestohlen oder ohne Quellenangabe zitiert worden seien.

1962 überprüfte der amerikanische Psychologe Wolins, wie viele Forscher bereit sind, ihre Daten offenzulegen. Er wandte sich an 37 Autoren psychologischer Publikationen und bat um die Rohdaten. In 33 Fällen gab es Probleme: Die Autoren antworteten nicht, gaben an, die Daten seien verlorengegangen oder zerstört oder machten rechtliche Einwände gegen die Anfrage geltend. Bei wieder anderen fanden sich schwere Irrtümer und Manipulationen.

Als 1995 die Unterlagen der Bewerber für ein gastroenterologisches Stipendium überprüft wurden, stellte sich heraus, daß von jenen Bewerbern, die bereits über medizinische Publikationen verfügten, zu einem beträchtlichen Teil unwahre Angaben kamen. In der Gruppe der Bewerber mit guter Gesamtbewertung waren es 25 Prozent und in jener mit schlechter Gesamtbewertung sogar 41 Prozent.