"Die hohen Preise genügen ihnen wohl nicht, daß sie jetzt auch noch damit in die Schlagzeilen kommen wollen", spottete ein Winzer aus dem Rhonetal. Er bezog sich auf den Skandal um den Château Giscours, einen Renommierwein aus dem Bordelais, dessen Einzelflasche zwischen 70 und 90 Mark kostet. Offiziell rangiert Château Giscours gemäß der 1855 festgesetzten Klassifikation als sogenanntes drittes Gewächs, was bedeutet, daß dieser Wein in der Rangordnung ungefähr an 45. Stelle von 3000 konkurrierenden Weingütern liegt.

Und nun steht der Staatsanwalt vor der Tür, weil sie gepanscht haben.

Die Bordeaux-Winzer hatten ihren letzten großen Skandal 1973. Auch damals hatte ein renommiertes Weinhaus Billigweine mit seinem teuren Rebensaft verschnitten. Der Verantwortliche beging Selbstmord.

Daß diesmal auch Wasser und Milch geflossen sein sollen, ist ebenso skandalös wie letzten Endes lächerlich. Als desillusionierter Konsument möchte man fragen: Wieso ist nicht in allen Weinen Wasser und Milch? Wieso wird das Wort "naturrein" immer noch mit Wein in Verbindung gebracht? Würste, Pizzas und Speiseeis, diese Retortenbabys der Nahrungsmittelindustrie, erleiden keinen Popularitätsverlust. Warum verlangt man von den Winzern so etwas Unmenschliches wie die Beachtung des dritten Gebots: "Du sollst nicht panschen"?

Rekordpreise bei Christie's oder Sonderangebote im Supermarkt - der Konsument ist leicht verführbar. Also trinkt er Plörre und mampft Chips. Davon stirbt man nicht. Es ist nur eine unwürdige Art, sich zu ernähren. Noch können wir uns zwischen Konfektion und individueller Handarbeit entscheiden. Auch beim Wein. Doch das setzt Lernbereitschaft voraus. Zum Beispiel die Erfahrung, welche Weine mit Vergnügen zu trinken und welche nur überteuerte Spekulationsobjekte sind.