Flügel - gestutzte, blutende - flattern immer wieder durch Tschiladses Text.

Awelums eigene Tochter etwa stellt sich 1989 den Soldaten entgegen, und ihr Vater, der ängstliche Prediger der Freiheit, kann sie genausowenig zurückhalten wie der Protagonist in Rafael Chirbes' Roman über die Franco-Diktatur "Der lange Marsch" die seine. "Die selbstgenähte Fahne wie Flügel schwingend, sprang sie auf den Panzer auf. Was folgte, ist allgemein bekannt."

Ist es nicht. Zumindest nicht für ein deutsches Publikum (trotz der über hundert dankenswerten Anmerkungen der Übersetzerin). Der andeutungsreich dahinströmende Text überflutet den Leser so, wie die Figuren und der Autor selbst von der Geschichte, den Ereignissen überwältigt wurden. Tschiladses "Seelenbiographie des georgischen Volkes" schrie nach Ergänzung. Während das Prosadebüt des 1933 geborenen Ex-Lyrikers das Paradies Kolchis ausmalt, springt der zweite Roman bereits in die Zeit der russischen Annexion von 1801 ("Daß mich totschlage, wer mich findet", 1983). Schauplatz des dritten Teils ist das Tbilissi der Jahrhundertwende, als die marxistisch und national motivierten Aufstände niedergeschlagen wurden ("Das eiserne Theater", 1988).

Trotzdem will Tschiladse seine Romane nicht als historische verstanden wissen. Auch in "Awelum" verschwindet das Faktische fast - nicht nur im amourösen Kulturen-Patchwork, das georgische Befindlichkeiten bebildert, sondern in einer atmenden Fabel mit überzeugend menschlich, allzu menschlichen Gestalten. Das auktoriale Alter ego mit den hehren Aspirationen liebt, lamentiert und laviert sich mit großer (gelegentlich freilich arg lauter, arg ausgreifender) Geste durch das Chaos verschütteter Identität und verfänglicher Freiheiten - durch das Georgien des 20. Jahrhunderts. Mit dem Köder des intelligenten Welttheaters lockt der Autor in die abgeschiedene Gegend am Schwarzen Meer, rhetorisch gewieft erschließt er die Räume eines gar nicht so fremden Denkens und die Nöte einer verlorenen Nation. Der Verfall der sowjetischen Vasallenstaaten, die orientierungslose Existenz im Dazwischen zwingt Tschiladse zum apokalyptischen Furor, denn "es kräht der Hahn, es bellt der Hund, es brüllt der Büffel, und Georgien führt Krieg". Bis die eiserne Mutter vom Sockel steigt und als kokettes Mütterchen Grusinien mit Richter Azdak in aller Ruhe ihr Weinchen süffelt, ist es noch lang hin.

Otar Tschiladse ist in diesen Tagen auf Lesereise: Am 16. Juni in Berlin, am 17. in Bremen, am 19. in Chemnitz und am 20. in Leipzig

Otar Tschiladse: Awelum Roman

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