Es gibt - nicht allzu viele - Journalisten, die so gut schreiben, daß sie eine Gemeinde treuer Leser um sich versammeln. Noch seltener sind Journalisten, die so eindrucksvoll schreiben, daß ihre (jungen) Leser gerne selber Journalist werden wollen - Journalisten also, die nicht allein eine Institution, sondern wirklich eine Instanz sind. Zu dieser seltenen Spezies zählt Ernst Müller-Meiningen jr., jahrzehntelang Rechtspolitiker der Süddeutschen Zeitung. Er war in seinen aktiven Jahren mehr als dies: das gute Gewissen des liberalen Journalismus in der Bundesrepublik. Ungemein streitbar und ungemein humorvoll zugleich: Als der CSU-Politiker Friedrich Zimmermann einmal in den Verruf eines "Meineidbauern" geriet, war M.-M. jr - so sein legendäres Kürzel - der einzige Journalist, der ihn gegen diesen Vorwurf in Schutz nahm - da doch Zimmermann nachweislich nie als Landwirt tätig gewesen sei. Unerschrocken zog er zu Felde, wenn es sein mußte auch gegen die eigenen Verleger, die als von den Alliierten eingesetzte Lizenzträger nach seiner Ansicht eine größere soziale Verantwortung hätten tragen müssen. Einen von ihnen nahm er in einer turbulenten Betriebsversammlung dran und schleuderte ihm, ob dessen Geizes, den wenig zärtlichen Titel "Lordbleistiftbewahrer" entgegen. Auch wer an den "Senator" denkt, das war er wirklich in der zweiten bayerischen Kammer!, der gerät - wie dieser selber so gerne - ins G'schichtenerzählen. Am Montag wurde er neunzig Jahre alt. Den Wunsch ad multos annos würde er angesichts der Datenlage entweder für unbescheiden oder für hintertrieben, hinterfotzig halt, halten. "Scho' recht", würde er antworten. Scho' recht, lieber Senator!