Suhl/Thüringen

Wo nur noch die Kühe grasen und die Straße zum holprigen Feldweg wird, wo man hilflos in die Landschaft blickt und wieder umkehren möchte, wo es weit und breit keinen Menschen mehr gibt, den man fragen könnte nach dem Schriftsteller Scherzer - dort steht auf einem Hügel, versteckt im wuchernden Grün, dann doch noch ein Haus. Keine Klingel, kein Namensschild, nur ein Kinderbild an der Tür: "willkommen zu hause".

Zwischen Suhl und Meiningen, mit weitem Blick in das Seßlestal, lebt Landolf Scherzer in schönster Abgeschiedenheit, im Dörfchen Dietzhausen. Als er 1982 aus Mosambik zurückkam, wo er fünf Monate in einem Camp am Sambesi gearbeitet hatte, fand er diesen stillen Flecken und setzte das kleine Haus darauf: "In Afrika hab' ich gelernt, wie man Steinhäuser baut."

Scherzer schleppt Einkaufstüten zum Haus hinauf und stöhnt ein wenig. Ja, im Sommer sei es wunderschön hier, aber im Winter habe das Idyll seinen Preis: Kein Schneepflug kommt, die Mülltonnen müssen zur Straße geschleppt werden, und der Briefträger mag auch nicht durch den Schnee stapfen.

Landolf Scherzer hat eigentlich gar keine Zeit, er ist geizig geworden mit jeder Minute. In den letzten Wochen war er oft nur auf Durchreise bei seiner Familie. Interviews und Lesungen hetzten ihn durch Deutschland, Belgien, die Niederlande - und im Gepäck immer noch "Der Zweite". Nie hatte Scherzer damit gerechnet, daß ihn die Reportage über den ehemaligen Bundeswehroffizier und CDU-Landrat Stefan Baldus so lange in die abgelegensten Winkel in Ost und West führen würde. Es gab Momente, in denen er beim Schreiben nur noch gehofft hatte, überhaupt ein paar Leser zu finden. Vier quälende Jahre dauerte der Versuch, seine Beobachtungen zu ordnen. Immer wieder fuhr er zurück nach Bad Salzungen, verwarf Entwürfe, zerknüllte Manuskripte, begann von neuem. Aber dann stand der "Zweite" monatelang auf Platz eins der Bestsellerlisten für Ostdeutschland.

Mit dem "Zweiten" gelang Scherzer die Nahaufnahme eines winzigen Ausschnitts der Übergangsgesellschaft. Seine scharfen Beobachtungen erwiesen sich als exemplarisch für den Alltag in den meisten Kommunen und Kreisen der ehemaligen DDR nach der Wende. Der Autor selbst stand den neuen Strukturen verloren gegenüber. Die Auseinandersetzung mit dem Landrat half ihm, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Beide, Landrat und Schriftsteller, haben sich in dieser gemeinsamen Zeit verändert. Zog der katholische Christdemokrat Baldus mit seinen antikommunistischen Überzeugungen in die Welt des Umbruchs, um ihr Demokratie beizubringen, sah er sich bald ganz anderen Problemen gegenüber: verscherbelten Betrieben, stillgelegten Kaligruben, geplatzten Investitionen und einer wütenden Menge Arbeitsloser. Gauner, Spekulanten und Wendehälse mischen sich in seinen Alltag, in seine Ideale von sauberer Moral, Gerechtigkeit und Pflichterfüllung. Am Ende ergreift er Partei für jeden Ostdeutschen, über den ungerecht geurteilt wird.

Und der Autor Scherzer? Zeichnet Wende-Karrieren nach, hört den Landrat reden über eine Vergangenheit, die nichts mit der eigenen zu tun hat, versteht nicht, versucht zu begreifen und spürt immer wieder den tiefen Graben zwischen ihnen, den die getrennten Jahre hinterlassen haben. Toleranz habe er von Baldus gelernt, sagt Scherzer. "Sich erst mal alles anhören, bevor man urteilt, und die verschiedensten Meinungen akzeptieren." So radikal aber hätte Baldus niemals umdenken müssen: "Seinen Antikommunismus hat er ja immer wieder bestätigt bekommen." Richtige Freunde sind die beiden nicht geworden, Baldus, der Schwarze, und er, Scherzer, der Rote. Baldus blieb skeptisch, schickte vor dem Erscheinen des Buches ein Vorausexemplar an den Ministerpräsidenten von Thüringen: Einiges könne für Verwirrung und Empörung sorgen