Gut vier Stunden nach der Katastrophe des InterCityExpress 884 Wilhelm Conrad Röntgen hat sich das Unfaßbare in einen Schadensfall verwandelt: furchtbar - aber unter Kontrolle. Am Mittwoch um 15.15 Uhr hebt der Celler Oberkreisdirektor Klaus Rathert den Katastrophenzustand wieder auf. Die Hilfsdienste haben die Lage in Eschede im Griff.

Ewald Hüls, Chirurg, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im mittlerweile aufgelösten Katastrophenstab, ist an einem Baum zusammengesackt und zieht an seiner Zigarette. "Das ist wirklich optimal gelaufen", sagt er. Es ist Donnerstag mittag. Hüls hat die Nacht durchgearbeitet, das sieht man ihm an.

Er spricht, als stünde er unter Strom. "Funktionierende Logistik", sagt er, "Einsatzabschnitte", "vorgeschobener Leitstellenkopf an der Unfallstelle".

Wer eine Katastrophe managen muß, der denkt in solchen Begriffen.

Feuerwehrrot, THW-Blau, Polizeigrün, Beige für das Rote Kreuz: Die Wagenburg der Technischen Leitung, einen Kilometer von der Unglücksstelle entfernt, wirkt wie ein buntes Durcheinander. Dabei ist die Anordnung der Fahrzeuge vorgeschrieben. Sie haben sich um die beiden großen Busse des Führungsstabes gruppiert. Diese parken im Abstand von wenigen Zentimetern: Meldezettel in dreifacher Ausfertigung können durch die Fenster problemlos hin- und hergereicht werden. Die strikten Regelungen erlauben es, aus Hunderten von Menschen, die einander nie begegnet sind, eine effiziente Rettungsmaschinerie zu bauen - vom Oberkreisdirektor bis zum Freiwilligen Ingo Kettner vom Technischen Hilfswerk in Braunschweig. "Unsere Aufgabe war die Aufrechterhaltung der Beleuchtung im Bereich der Hubschrauber", berichtet er.

Der Wunsch zu helfen - irgendwie - ist allgegenwärtig. Das Land reagiert auf die Havarie von Eschede mit einer Welle von Anteilnahme. Hilfswillige ohne Spenderausweise drängen sich und bieten ihr Blut an. Sie verstehen nicht, warum man sie zurückweist. Siebzig Privatquartiere für Angehörige stehen allein in Eschede offen - kaum eines wird gebraucht. Anwohner bringen Essen für die Helfer. Von Egoismus und sozialer Kälte - in Deutschland gern und oft diagnostiziert - kann keine Rede sein. Das Volk rückt zusammen im Angesicht des Schreckens.

Die Feuerwehr Eschede war eine Minute nach dem Unglück an der Unfallstelle, die ersten Ärzte wenig später. Binnen 45 Minuten traf das Gros der Rettungshubschrauber ein