In einem halben Jahr wird man vielleicht sagen, mit Beginn der Kosovo-Krise habe in Bonn der Weg in die Große Koalition begonnen. Deutlicher habe man die Annäherung zwischen Sozialdemokraten und Christdemokraten drei Monate vor der Wahl gar nicht machen können, als dies im Juni Volker Rühe und Rudolf Scharping mit ihrer verblüffenden Einigkeit im Streit um die Notwendigkeit eines UN-Mandats gezeigt hätten. Hinzu sei, so wird man sich dann vielleicht erinnern, in der Kosovo-Frage Klaus Kinkels rigides Beharren auf der Rechtsposition (keine Nato-Intervention ohne Sicherheitsrat) gekommen - und auf der Gegenseite die neuerliche Verwirrung, Modell Magdeburger Parteitag, unter den Grünen. Dazu Gerhard Schröders Zustimmung zu Helmut Kohls Geld zurück!-Strategie gegenüber Brüssel, und dahinter, als Geräuschkulisse, das beharrliche Gestänkere des FDP-Generalsekretärs gegen den Bundeskanzler: Wurde nicht also schon im Juni, so wird man zum Jahresende vielleicht bilanzieren, offenkundig, wohin die Reise gehen würde?

Nicht, daß dies heute die erklärte Absicht der Akteure wäre, keineswegs, nein, nein. Unbegreiflich findet beispielsweise Scharping, SPD-Fraktionschef und Außenpolitiker in Schröders Team, die Überlegung: "Wie kommen Sie denn darauf?" Joschka Fischer profiliert sich weiterhin tapfer als der oppositionelle Außenpolitiker mit den kühnsten Vorstellungen zur europäischen Zukunft, näher beim Denker Habermas als beim Macher Schröder, und hält sich für eine rotgrüne Koalition bereit.

Dieser Traum des grünen Fraktionssprechers freilich dürfte in keinem Fall Wirklichkeit werden. Das immerhin steht fest: Sollte es entgegen unserem Eingangsszenario im Herbst doch zur rotgrünen Koalition kommen, gäbe die SPD die außenpolitische Kompetenz nicht aus der Hand. Keine Experimente. Das, so formuliert es ein Mitglied der Parteispitze, "sind wir unseren Verbündeten schuldig". Denn bei allem Respekt vor "Joschka": In Bündnisfragen von der Zustimmung eines Jürgen Trittin, Ludger Volmer oder gar Christian Ströbele abhängig sein? Ausgeschlossen, sagen Schröder & Co.

Der Wind hat sich ein bißchen gedreht in der deutschen Sozialdemokratie.

Nachrüstung, Auflösung der Blöcke, Nein zur Nato-Osterweiterung, Militäreinsätze außerhalb des Bündnisgebiets (out of area): Schlachten von gestern. War was? Der Bundestagsabgeordnete Karsten Voigt zum Beispiel, einer der wenigen international bekannten Außenpolitiker der Fraktion, erkennt die SPD nicht wieder. Vor vier Jahren hatten ihn seine Genossen in Hessen-Süd erst nach mühseligen Parteitagsprozeduren, in denen er sich als Militarist und Kriegstreiber diffamiert sah, mit Ach und Krach für den Bundestag nominiert. Dieses Mal hat Voigt, müde gekämpft, auf die Kandidatur verzichtet. Ein paar Monate zu früh. Die Politik, für die er sich mit den Rotgrünen in der eigenen Partei herumgeprügelt hat, ist auf einmal offizielle Linie der Partei.

Wie kam's? Viele kleine Lernprozesse oder die allgemeine Schrödersche Zeitgeistansage, der sich Oskar Lafontaine, der Gaullist an der Spitze der SPD, nicht verweigern wollte? Vieles wirkte da zusammen. Gewiß machte auch die Kandidatur Schröders Bewegung möglich. Den wichtigsten sicherheitspolitischen Lernprozeß aber löste die Wirklichkeit der neunziger Jahre aus, vor allem Sarajevo. Da mag die Linke innerhalb und außerhalb der Partei den Sozialdemokraten abermals die Losung "Nie wieder Krieg!" vorhalten und vor Militäreinsätzen warnen, die SPD orientiert sich in der Kosovo-Krise an der Leitlinie: Nie wieder Bosnien! Kein zweites Srebrenica! Und das heißt, wie Schröders außenpolitischer Berater, Günter Verheugen, es formuliert: "Man muß das am Anfang stoppen!" Da läßt die SPD der neuen Mitte sich auch von völkerrechtlichen Bedenken nicht aufhalten - und heutzutage schon gar nicht von eigenen Parteitagsbeschlüssen. Im Wahlprogramm 98 wird für out of area-Einsätze noch ein UN-Mandat gefordert. Aber Gerhard Schröder war der erste deutsche Spitzenpolitiker, der - in der ihm eigenen Mischung aus Pragmatismus und Bedenkenlosigkeit - verkündete: nicht nötig.

Im Präsidium lieferte er der Parteispitze Anfang der Woche die Begründung nach: Im Falle einer Zuspitzung der Lage im Kosovo während der Sommermonate dürfe es nicht passieren, daß alle sozialdemokratischen Regierungschefs der Nato zum Eingreifen auch ohne UN-Mandat bereit seien und nur die SPD erkläre, dies sei ausgeschlossen - Wahlkämpfers Alptraum. Schröder: "Das möchte ich nicht erleben." Das Präsidium, allen voran Oskar Lafontaine, folgte ihm.