Deutschland (West) im Juni 1948, wenige Tage vor der Währungsreform: Hektik und Gedränge in den Geschäftsstraßen. Wer etwas im Einkaufsnetz oder unter dem Arm trägt, wird nach der Quelle gefragt. Wo es etwas zu kaufen gibt, bilden sich Schlangen. Von Puder und Lippenstiften, die nach Aussagen einer Verkäuferin gleich "pfundweise" verlangt werden, bis zu Münzen oder Medikamenten - alles, ob nutzbringend oder nicht, wird erworben. Und in Juweliergeschäften wechseln Edelsteine gegen Unsummen den Besitzer.

Nicht erst nach dem "Tag X", als volle Schaufenster mit lange entbehrten Waren zu DM-Preisen lockten, sondern schon in der Woche zuvor waren die Westdeutschen im Kaufrausch. Verunsichert von zahllosen Gerüchten über den nahenden Währungstausch, lautete das Motto: "Weg mit dem alten Geld!" Selbst der Schwarzmarkt war wie leer gefegt. Butter, Speck und Eier waren überhaupt nicht mehr zu beschaffen, der Preis für eine Ami-Zigarette schnellte von sechs auf achtzehn und mehr Reichsmark.

Viele große und kleine Währungsspekulanten ließen sich in die Irre locken.

Wer Kleingeld hortete, hatte noch etwas Glück: Es blieb nach dem Tag X erst einmal gesetzliches Zahlungsmittel, allerdings nur zu einem Zehntel des Nennwerts. Wer auf Briefmarken gesetzt hatte, ging leer aus. Besonderes Pech hatten aber diejenigen, die erst Bahnfahrkarten in größerer Zahl erworben hatten, sie dann jedoch, von falschen Gerüchten aufgeschreckt, am Bahnschalter wieder gegen Bargeld zurückgaben. Anders als Briefmarken blieben Fahrkarten gültig.

Manch einem erging es auch wie dem Schauspieler Gert Fröbe, der damals für den Film "Berliner Ballade" als "Otto Normalverbraucher" vor der Kamera stand. Er hatte sich noch kurz vor der Währungsreform einen Abschlag von 3000 Reichsmark auf seine Gage auszahlen lassen - nach der Reform hätte er die Summe in harter Deutscher Mark bekommen.

Am Abend des 18. Juni, einem Freitag, wurde dem Rätselraten ein Ende gesetzt.

Über Rundfunk kündigten die Militärregierungen der drei Westzonen für den Sonntag die Währungsreform an: Die Deutsche Mark löste das alte Geld - Reichsmark, Rentenmark und die Militärmark der Alliierten - ab, das mit Wirkung vom folgenden Montag seine Gültigkeit verlor. Gegen Ablieferung von sechzig R-Mark erhielt am Sonntag jeder Westzonenbürger in den Lebensmittelkartenstellen ein Kopfgeld von zunächst vierzig Deutschen Mark, einige Wochen später eine zweite Rate von zwanzig D-Mark. Den Unternehmen wurden pro Beschäftigten sechzig D-Mark ausgezahlt. Löhne und Gehälter, Mieten, Renten und Steuern wurden 1 : 1 umgestellt. Alle Guthaben von Banken, Gebietskörperschaften und NS-Organisationen erloschen. Die Reichsschulden wurden gestrichen und so für die Gläubiger wertlos. Für die übrigen Schulden und Guthaben galt zunächst ein Kurs von 10 : 1, im Oktober 1948 verschlechterte sich der Umtauschkurs für größere Sparguthaben dann auf 10 : 0,65 - für 1000 alte Reichsmark gab es 65 Deutsche Mark.

Trotz langer Schlangen von Menschen, die meist Stunden im Regen vor den Ausgabestellen warten mußten, verlief der Umtausch nahezu reibungslos. Die Währungsreform war von den Amerikanern lange vorbereitet. Schon im Herbst 1947 hatte die US-Regierung der American Bank Note Company den Druckauftrag für das neue Geld erteilt: Im November lief die Aktion "Bird Dog" an, 23 000 Kisten mit den in Washington und New York produzierten Scheinen wurden - mit Tarnadresse Barcelona - nach Bremerhaven verschifft, in Sonderzügen nach Frankfurt transportiert und schließlich, von Besatzungssoldaten schwer bewacht, per Lastwagen auf die Städte verteilt.

Bereits im August 1946 hatten die Amerikaner ihren Plan im Alliierten Kontrollrat präsentiert. Ziel war ein radikaler Währungsschnitt, um den gewaltigen Geldüberhang zu beseitigen, den Hitler-Deutschland durch die Kriegsfinanzierung auf Pump geschaffen hatte. Weil die Sowjets mauerten, setzten die Westmächte die Währungsreform in den von ihnen besetzten Zonen (Ausnahme: das von den Franzosen besetzte Saargebiet) durch - und nahmen damit die Teilung Deutschlands in Kauf.

Unmittelbar nach Verkündung der Währungsreform begannen die Sowjets mit der Blockade Berlins und ordneten in ihrem Machtbereich eine eigene Reform an.

Auf die alten Reichsmarkscheine wurde ein Coupon geklebt - im Volksmund deshalb "Tapetenmark" genannt. (Später wurde das Ostgeld durch die "Deutsche Mark der Deutschen Notenbank" ersetzt und erst 1965 in "Mark der Deutschen Demokratischen Republik" umgetauft.) Der Besitz von D-Mark wurde nicht nur in der Ostzone, sondern in ganz "Groß-Berlin" verboten. In einem Gegenbefehl erklärten die westlichen Stadtkommandanten die sowjetische Anweisung in den Westsektoren für "null und nichtig". Noch in derselben Woche wurde auch in den Westsektoren Berlins die Deutsche Mark eingeführt.

Doch obwohl die Währungsreform in Westdeutschland im Bewußtsein der meisten Bürger der Startschuß für den wirtschaftlichen Aufschwung war, allein hätte die Deutsche Mark das "Wirtschaftswunder" nicht in Gang gesetzt. Dazu gehörten auch die schon im März 1948 vom Westen - ebenfalls gegen den Widerstand der Sowjets - beschlossene Marshallplan-Hilfe sowie eine drastische Steuersenkung. Und entscheidend war die Wirtschaftsreform: Noch am Sonntag des Währungsumtauschs verkündete Ludwig Erhard, damals Direktor der Wirtschaftsbehörde in der (amerikanisch-britischen) Bizone, ohne Rücksprache mit der Militärregierung eine weitgehende Lockerung der Bewirtschaftung und Aufhebung der meisten Preiskontrollen. Damit waren die Weichen für die Marktwirtschaft gestellt.

Entgegen ihrem späteren Ruf als eine der härtesten Währungen der Welt startete die Deutsche Mark ausgesprochen schwach. Zwar nahm die Industrieproduktion schon im zweiten Halbjahr 1948 kräftig zu, und auch die Beschäftigung wuchs, aber ebenso kletterten die Arbeitslosenzahlen nach oben.

Vor allem aber stiegen die Preise. In der zweiten Jahreshälfte 1948 verteuerte sich die Lebenshaltung im Westen um mehr als siebzehn Prozent.

Dennoch steuerte die Bank Deutscher Länder, der Vorläufer der Bundesbank, kaum dagegen. Damals waren dem Zentralbankrat Wachstum und Beschäftigung wichtiger als Preisstabilität. Das änderte sich später grundlegend.