Silvester 1949/1950 feierte Erich Maria Remarque in New York, auf einer Party des Theaterproduzenten Gilbert Miller. Zu den Gästen gehörten Cole Porter, Lilli Palmer, Rex Harrison und Hollywoodstar Paulette Goddard.

Remarque, der Tagebuch führte, notierte sich die Namen, aber ohne besondere Bemerkungen.

Für Paulette Goddard schien der Schriftsteller, der nicht gerade als frauenfeindlich galt, an diesem Abend kein Auge zu haben. Auch sie, die lebenslustige Exgattin von Charlie Chaplin, die sich gerade von ihrem dritten Ehemann, dem Schauspieler Meredith Burgess, getrennt hatte und immer auf der Suche nach großzügigen Männern war, ließ offenbar kein spezielles Interesse an dem deutschen Auflagenmillionär erkennen.

Daß Remarque von der Aktrice nicht sofort begeistert war, hatte seinen Grund vermutlich darin, daß er sich zu dieser Zeit ohnehin in einem erotischen Chaos befand. Seine langjährige Ehe mit der Tänzerin Ilse Jutta Zambona bestand nur noch auf dem Papier, ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem Photomodell Natasha Paley ging gerade unter Schmerzen zu Ende, und eine selbstzerstörerische Beziehung zu Marlene Dietrich konnte selbst durch eine Liebesaffäre mit Greta Garbo nicht aufgehalten werden. Der am Lago Maggiore ansässige Emigrant, der unruhig zwischen Europa und den USA hin- und herpendelte und dabei allmählich dem Alkohol verfallen war, wollte sich nun in New York seiner ständigen Depressionen wegen von der Psychoanalytikerin Karen Horney behandeln lassen.

Paulette Goddard war mit ihrem Leben bis dahin sehr viel besser fertig geworden. Wie Remarque kam sie aus ärmlichen Verhältnissen, aus denen sie sich unter allen Umständen befreien wollte. Aber anders als der zur Melancholie neigende Schriftsteller strotzte sie von selbstbewußtem Optimismus. Mit untrüglicher Sicherheit setzte sie schon als sehr junges Mädchen, unterstützt von der ähnlich ambitionierten Mutter Alta, ihre Reize als Mittel zum Zweck ein und konnte bereits als sechzehnjähriges Revuegirl bei der Ziegfeld-Truppe auf eine ansehnliche Zahl wohlhabender Liebhaber zurückblicken, die sich fast alle ungewöhnlich spendabel zeigten. Während Remarque von dem Erfolg seines Antikriegsromans "Im Westen nichts Neues", der ihn 1929 über Nacht zum Millionär machte, völlig überrascht wurde, hatte Paulette Goddard ihren Weg zu Ruhm und Geld sehr zielbewußt ins Auge gefaßt.

Remarque trat zwar äußerlich als eleganter, selbstbewußter Mann auf, und sein Erfolg bei den prominentesten Frauen seiner Zeit schien das demonstrierte Bild zu bestätigen. Schon als junger Mann hatte er sich, um seiner kleinbürgerlichen Umgebung im heimatlichen Osnabrück etwas Weltmännisches entgegenzusetzen, betont modisch gekleidet, soweit es sein Einkommen als Dorfschullehrer, Grabsteinverkäufer und Sportredakteur zuließ, und gelegentlich rundete ein Monokel die dandyhafte Erscheinung ab. Aber die psychoanalytischen Sitzungen bei Karen Horney enthüllten eine völlig andere Persönlichkeit.

"Immer wollte ich mehr sein oder scheinen als ich bin", klagte sich Remarque während der Behandlung an und notierte als seinen zweiten Schwachpunkt eine fast selbstzerstörerische Abhängigkeit in der Liebe dazu: "übergroße Empfindlichkeit, Schauspielerei, Renommisterei, Weltmann, Kavalier, homme à femme sein wollen - gleichzeitiges Gefühl, ein Schwindler zu sein, indiskret aus Angeberei zu sein und es wirklich zu sein, als Schriftsteller nichts zu taugen, entlarvt zu werden eines Tages -".