Da hocken sie nun, die gelangweilten Beobachter des verblassenden zweiten Jahrtausends, müde lächelnd vor dem Fernsehschirm. Der Kampf um die richtigen oder falschen Illusionen ist aus und vorbei, es bleibt noch für ein oder zwei Jahrzehnte der Kampf um die Kabelnetze. Was hatten sie in den feuchtfröhlichen Achtzigern geschwärmt von digitaler Meinungsvielfalt, der Telepolis und ihrer neuen Avantgarde, den Computerkids der zukünftigen Generationen. Wie Siegfried Zielinski, der Gründungsrektor der Kölner Medienhochschule, hatten sie ihnen zugetraut, mit Bits und Bytes die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Das Expertenwissen werde sich in Volkswissen verwandeln, schwärmten die anderen. Und der Berliner Philosoph Dietmar Kamper beglückte die, die es noch immer nicht hören wollten, mit seiner Vision vom Ende aller Herrschaft auf Erden.

Die Party ist vorbei. Wo ehemals Träumer im Geiste die blaue Blume der linken Romantik im Cyberspace zu finden glaubten, herrscht Merkur, der Gott der Händler, Trickser und Fälscher, über jede athenische Vision von einer demokratischen Bildungsgesellschaft. Mit kalter Lust feilen heute nüchtern kalkulierende Standortkämpfer und globale Rechner an einer Verkaufsmythologie ihrer Visionsware. Dankbar nutzen die Politprofis dabei die Träume der Poeten, Propheten und Professoren, die ihnen die Wortkleider einer multimedialen Haute Couture liefern, in denen sich Markt-, Macht- und Karriereziele allemal besser verkaufen lassen denn in nackten Zahlen.

Der Schaumwein perlte, die Zuhörer applaudierten, und endlich von ihren Werten erlöste Sozialdemokraten boten Murdoch den Schulterschluß. "Ich hoffe, daß er ordentlich Geld mitbringt und in Nordrhein-Westfalen investiert", freute sich Clement und präsentierte den beifällig nickenden Branchenvertretern sein Zukunftsprogramm. Unzeitgemäß seien die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Medienwirtschaft in Deutschland. Die vielen übertriebenen Regulierungen müßten weg. Niemand dürfe die neuen Märkte für privatwirtschaftliche Unternehmen weiterhin behindern. "Die schöne alte Ordnung der Begriffe, der Grenzzäune und festen Gewißheiten ist unwiederbringlich dahin. Die Grenzsteine der alten Medienwelten werden virtuell", schwärmte Clement zukunftsergriffen, "zementierte Strukturen werden flüssig, Trennwände werden transparent und durchlässig, scheinbar Unvereinbares wird zusammenwachsen." Die digitale Medienproduktion mache "die Realität zur Schimäre und die Schimäre zur Realität". Nordrhein-Westfalen, Deutschland überhaupt, müsse selbstverständlich dabeisein - als Avantgarde der Mediengesellschaft der Zukunft. Und Gerhard Schröder, Stargast auf dem Medienforum, dichtete rasch den Slogan hinzu: "The future is bright!"

Der Abschied von den "weltanschaulichen Bekenntnissen" hat Methode. Zu leichtsinnig investiert die Politik ihr Kapital an Illusionsfähigkeit in die Neuen Medien, um Fragen nach dem Warum oder Wohin irgendeinen Platz zu geben. Und auch Gerhard Schröder will von Zielen und Werten wenig hören. Eine verblödete Fernsehdemokratie? Ein Ausverkauf von Authentizität im Zeitalter der Simulationen? Wie jeder erfahrene Wahlkämpfer weiß auch Schröder längst, wie weit es mit Werten wie Authentizität ist. Authentizität in der Politik ist immer der Effekt einer sozialen Simulation, Schröder ahnt es längst. Und er hat es erprobt: durch seinen Auftritt als Realfiktion in der RTL-Seifenoper "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten".

Der forsche Appell zum neuen Aufbruch der deutschen Politik ins sogenannte Medienzeitalter liegt im Trend der Zeit. Längst haben die Medien ihre Rolle als subjektivierte Glaubensmacht der modernen Welt begriffen. Der Software-Feudalismus amerikanischer Giganten beweist seine Überlegenheit gegenüber allen demokratischen Strukturen. Die Herausforderung ist global - und sie ist radikal. Politik, Wissenschaft und Industrie haben auf dem Markt nur dann eine Chance, wenn wichtige Elemente demokratischer Gewaltenteilung rückgängig gemacht werden, die ausdifferenzierten Systeme von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zunehmend wiedervereint werden, ausbalanciert durch einen moderaten Staat. Und der braucht, weil "geistige Erneuerung" nicht neu klingt, eine "mentale Innovation".

Die Kritik an diesen durchaus gewaltigen Veränderungsabsichten ist verstummt - in Köln und anderswo. Denn globale Zwänge belehren unmißverständlich über die Nöte und Notwendigkeiten der Entwicklung. Die Aufregung über das Informationszeitalter - Chris Cramer, der Präsident von CNN International, hat es gesagt - ist im Vorfeld des neuen Jahrtausends der Akzeptanz der Realität gewichen. Fast über Nacht macht sie ein Genre arbeitslos, das einst als notwendig und unverzichtbar für jede Demokratie galt: die Medienkritik.

Was hatten sie nicht in den Siebzigern und Achtzigern für aufgeregte Debatten mit den Poeten des Cyberspace geführt, die Kritiker von Neil Postman bis Richard Sennett, von Hans Magnus Enzensberger bis Alexander Kluge. Und heute? Die Neuen Medien als eine Gefahr für Bildung und Öffentlichkeit? Eine gefährliche Verschiebung der Staatsfunktionen, ein Ungleichgewicht zwischen öffentlichen und kommerziellen Interessen? Eine kulturelle und sprachliche Homogenisierung? Zunehmende Machtkonzentration in der Hand weniger Mediengiganten? Nichts davon brauchen wir noch zu befürchten - wir haben es ja längst.