Die Werbung lockt mit der nackten Eva kurz vor dem Sündenfall. Doch die Sonderausstellung "Schöne Früchtchen" des Naturkunde-Museums in Bamberg bleibt jugendfrei. Hier geht es nicht um moralische Fehltritte, sondern um Streuobstwiesen, ökologischen Landbau und eine vergessene Wissenschaft: die Pomologie, die Lehre vom Obstbau. Und Eva? Ihr Griff zum Apfel symbolisiert eine raffinierte List der Natur: Das knackige Aussehen der Äpfel soll schließlich ausdrücklich zum Reinbeißen verführen, damit sich die sorgsam im Fruchtfleisch verpackten Samen des Apfelbaums weiterverbreiten.

"Äpfel kann man heute überall für wenig Geld kaufen", sagt Museumsleiter Matthias Mäuser. "Ich möchte erreichen, daß man erkennt, was eigentlich hinter der Massenware steckt: kleine Wunderwerke der Natur."

Ein kleines Wunderwerk ist auch die in Bamberg zu sehende Wachsfrüchtesammlung des Kaufmanns, Schriftstellers und Verlegers Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) aus Weimar. Wer die naturgetreu nachgebildeten Wachsmodelle (inklusive kleiner Faulstellen oder Schorfflecken) zum ersten Mal anfaßt, zuckt unweigerlich zusammen, da die Sinneseindrücke von Auge und Hand nicht zusammenpassen. Die Früchte sind hohl und wiegen nur etwa fünfzig Gramm. Die Farben der Pfirsiche sind mit Fasern verstärkt, um die pelzige Haut zu imitieren. Bei den Aprikosen sorgt ein feinkörniges Pulver für die nötige Oberflächenstruktur, und bei reifen Äpfeln kann man noch deutlich die vertrockneten Reste der Kelchblätter erkennen. Sie bestehen, wie die gesamte Fruchtwand, aus Wachs. Die Stiele dagegen sind aus gedrilltem Gewebe hergestellt, das zur Stabilisierung vermutlich mit Schellack getränkt wurde.

193 Modelle dieses "pomologischen Kabinetts" besitzt das Naturkunde-Museum Bamberg. Rund 180 Jahre lang konnte man die Exponate im Bamberger "Naturalienkabinett" bewundern. Doch seit der Wiedereröffnung des Museums 1992 versauerten die seltenen Früchte in der Abstellkammer. Grund genug für Mäuser, diesem Kleinod der Sortenkunde eine Ausstellung zu widmen.

Da es keine Unterlagen über die Entstehung der Wachs-Exponate gibt, mußte Mäuser das Verfahren rekonstruieren. Zerbrochene Exemplare zeigen eine gleichmäßige Wandstärke von zwei bis zweieinhalb Millimetern. Das Material besteht aus 98 Prozent Bienenwachs und 2 Prozent Bleiweiß. Nirgends ist eine Naht zu sehen. "Ich kann mir eigentlich nur eine einzige Herstellungsmethode denken", sagt Mäuser. Und die sah wohl so aus: Zunächst stellte man von der stiellosen Frucht einen zweiteiligen Gipsabdruck her. Danach bohrte man in die obere Formhälfte ein Loch für die Stielgrube und fräste aus dem unteren Abguß den Bereich der Kelchblätter heraus. Nach Einsetzen des künstlichen Stieles wurden die beiden Formen innen mit Trennmittel bestrichen und erwärmt. Und nun folgte der entscheidende Kunstgriff: Man füllte das flüssige Wachsgemisch in die eine Hälfte, verschloß die Gipsform mit der anderen, drehte das Ganze und schüttelte es vorsichtig, so daß sich das Wachs gleichmäßig an der Wand niederschlug. Nachdem das Modell abgekühlt war, wurde es poliert und mit Lasurfarben bemalt. Die "gut und treu nach Natur gearbeiteten Wachsfrüchte" sollten dem "schädlichen Wirrwarr in der pomologischen Nomenclatur" ein Ende machen, wie die "geehrtesten Leser des Teutschen Obstgärtners" 1794 erfuhren.

Denn im 18. und 19. Jahrhundert wurden in Mitteleuropa über 4000 verschiedene Obstsorten kultiviert. Dabei liegt der genetische Ursprung der heute verbreiteten Apfel- und Birnensorten eigentlich im Kaukasus. Im Gefolge der indogermanischen Völkerwanderung gelangten einige Wildarten nach Griechenland, wo sie erstmals kultiviert wurden. Die Griechen beherrschten bereits die Technik des Pfropfens, mit der sich wertvolle Sorten auf minderwertigen Obstbäumen vermehren lassen. Und mit den Römern gelangte diese Technik schließlich nach Mitteleuropa.

Doch erst im 16. Jahrhundert gewann das Obst als Nahrungsmittel für die Bevölkerung an Bedeutung. Auf Anordnung der Landesherren entstanden Streuobstwiesen an Wegen und Ortsrändern. Die erste Sortenbeschreibung in deutscher Sprache erschien 1602 und verzeichnet sechzig Apfel- und vierzig Birnensorten.