Das "Schwarzbuch des Kommunismus" dokumentiert zum erstenmal umfassend das ungefähre Ausmaß der Untaten, die im Zeichen der Utopie einer weltrevolutionären Befreiung der Menschheit begangen wurden. Wie genau die von Stéphane Courtois und seinen Mitautoren festgestellten Opferzahlen sind, ist unter Historikern umstritten. Doch methodische Einwände gegen Courtois' Forschungen berühren nicht die Tatsache, daß kommunistische Führer, allen voran Lenin, Stalin und Mao Tse-tung, neben Adolf Hitler zu den mit Abstand größten Massenmördern des 20. Jahrhunderts zählen. Bei allen gravierenden Unterschieden ist dem marxistisch-leninistischen und dem nationalsozialistischen System gemeinsam, daß sie eine bis zu ihrem Auftauchen ungeahnte Vernichtungsenergie freisetzten. Sie gründeten auf Ideologien, die die Ausrottung bestimmter Klassen oder Rassen als Voraussetzung für die Errichtung einer idealen Weltordnung betrachteten.

Systematischer Terror bis hin zur planmäßigen Auslöschung großer Teile der eigenen und der Bevölkerung eroberter Länder gehörte daher zum Wesensmerkmal beider Systeme solcher Terror war - nach der Maßgabe ihrer pervertierten Moral - ethischer Imperativ dieser totalitären Ideologien.

Manchem Linksintellektuellen fällt es immer noch schwer, diese besondere Qualität nicht nur des nationalsozialistischen, sondern auch der kommunistischen Mordmaschinerie anzuerkennen. Peter O. Chotjewitz, Lothar Baier und Michael Scharang bieten in ihren Beiträgen zur ZEIT-Diskussion (siehe ZEIT Nr. 24, 25 und 26/98) ein ganzes Arsenal von Argumenten an, die spezifische Merkmale kommunistischer Verbrechen verwischen. Hat es Massenmord und staatlichen Terror nicht schon immer gegeben? Könnte man nicht ebensogut auch Schwarzbücher des Sklavenhandels und der Kolonialkriege schreiben, wie Chotjewitz bemerkt? Ist es nicht ganz einfach so, daß der Mensch als solcher, weil er den Gedanken an seine Endlichkeit nicht ertragen kann, immer in irgendein Ideengebäude flüchtet, "dessen Dach Unsterblichkeit verheißt, religiöse, völkische oder kollektive", wie Scharang resümiert?

Wenn derartige geschichtsrelativistische Platitüden gegen die Erforschung des spezifischen Charakters des NS-Terrors ins Feld geführt werden, gibt es (nicht nur) auf der Linken zu Recht einen Aufschrei der Empörung. Wenn es um die Verbrechen des Kommunismus geht, glauben sich viele Linke jedoch noch immer einen Vermeidungsdiskurs der krudesten Sorte leisten zu können.

Abgesehen davon, daß die zeitgenössische Demozidforschung sehr wohl auch die Opfer nichtkommunistischer inklusive demokratischer Systeme zählt - wäre ein Versäumnis in dieser Hinsicht ein Argument, auf die Erfassung der Opferzahlen zu verzichten, die von der spezifischen Systematik kommunistischen Terrors produziert wurden? Chotjewitz, Baier und Scharang stellen das Unternehmen "Schwarzbuch" a priori unter einen verschwörungstheoretischen Generalverdacht: Die ganze Opferzählerei ziele doch bloß darauf, ein "Autodafé der Glaubensreinigung" (Chotjewitz) zu veranstalten, will heißen: "der heutigen Linken den Prozeß zu machen" (Scharang).

Dabei hat doch die Linke selbst am meisten Grund, sich dem niederschmetternden Fazit der monströsen Epochenillusion des Kommunismus ohne Wenn und Aber zu stellen. Nicht etwa, um sich reumütig an die eigene Brust zu schlagen. Sondern weil die Geschichte des Kommunismus zugleich auch eine eigentümliche Faszinationsgeschichte der intellektuellen Linken ist, deren Erforschung erst am Anfang steht.

Dieser Faszination sind nicht nur einige wenige dogmatische Sektierer erlegen. Die Befürchtung, dadurch könnte die Einzigartigkeit des Nationalsozialismus relativiert werden, hat auch gemäßigte Linke und selbst Liberale davon abgehalten, sich das ganze Grauen zu vergegenwärtigen, das die marxistisch-leninistische Ideologie verursacht hat. Das vermeintliche "humane Anliegen", das trotz allem im Kommunismus verborgen sei, hat dieser Ideologie bei wohlmeinenden Humanisten, von Maurice Merleau-Ponty ("Humanismus und Terror", 1947) bis zu - in heutigen Tagen - Walter Jens, im Vergleich zum Nationalsozialismus immer wieder mildernde Umstände eingetragen.