In der nordenglischen Atommüll-Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield ist das Betriebsklima schon mal besser gewesen: Mancher Mitarbeiter erholt sich noch von dem Schreck im März, als er von Männern mit Schußwaffen auf den Boden gezwungen wurde. Die Werksschützer haben seitdem riesigen Krach mit der Gewerkschaft, und die Sicherheitsbestimmungen werdenüberarbeitet: Vor der nächsten Antiterror-Übung wird es wohl mehr als nur ein Rundschreiben geben.

Doch inzwischen machen sich die 7000 Beschäftigten in Sellafield und die Anwohner in der Region Cumbria viel ernstere Sorgen um ihre Sicherheit. Ein gewisser Doktor Gordon Thompson, Direktor des Instituts für Ressourcen- und Sicherheitsstudien in Cambridge, Massachusetts, hat am Dienstag eine aufsehenerregende Studie über Sellafield vorgelegt. Der Amerikaner behauptet, daß die Anlage ein wahres Pulverfaß sei und jederzeit explodieren könnte. Die Vereinigung nuklearfreier Gemeindeverwaltungen, die für die Studie gezahlt hat, fordert nun die "schnellstmögliche Stillegung". Dominick Jenkins von der Umweltschutzgruppe Friends of the Earth will bei der Blair-Regierung "einschneidende Veränderungen" der Aufsichtsbehörden durchsetzen. Die Bürgerinitiative Cumbrier gegen eine radioaktive Umwelt (CORE) kämpft dafür, daß die Lieferung von Brennelementen aus aller Welt nach Sellafield unterbunden wird - nach den Japanern sind die Deutschen die zweitwichtigsten Kunden.

Thompsons Studie ist erwartungsgemäß ein unlesbarer Schinken mit technischen Anhängen, doch das Wesentliche ist schnell erzählt: Die "Pulverfässer" sind in Wahrheit 21 rostfreie Stahltanks, in denen mehr als 1400 Kubikmeter feuchte, heiße, hochradioaktive Brühe lagern. Das Zeug entsteht bei der Wiederaufarbeitung der Brennelemente und muß dauernd gekühlt werden, damit es nicht kocht. Sonst könnte es explodieren, in die Irische See auslaufen oder gar eine Wasserstoffexplosion zünden und damit radioaktives Material in die Atmosphäre schleudern - mit Folgen wie seinerzeit in Tschernobyl.

Gerüchte über Lecks und Risse gab es immer wieder

Experten in London versichern, daß dieses Szenario nicht allzu weit hergeholt ist. Explosionen und Beinahunfälle hat es immer wieder in ähnlichen Anlagen rund um die Welt gegeben - das bisher schlimmste Unglück passierte 1957 im russischen Chalyabinsk. Studien aus Umweltschutzkreisen haben einen solchen Ernstfall in den vergangenen Jahren auch für Sellafield durchgespielt.

Demnach könnte eine Verseuchung dort sogar zehn- bis hundertfach so schlimm ausfallen wie nach Tschernobyl. Zehntausende Krebstote seien zu befürchten, auf der atomenergiefreien Nachbarinsel Irland müßte vielleicht die Hauptstadt Dublin evakuiert werden. Genaues kann allerdings kein Wissenschaftler seriös vorhersagen.

Daß der Müll in Sellafield in der besonders gefährlichen, flüssigen Form gelagert wird, war eigentlich als Übergangslösung gedacht. Wie anderswo auf der Welt üblich, soll das Material am Ende in wesentlich sichereren Glasblöcken eingeschweißt werden - ein früherer Zeitplan sah für die Operation Mitte der neunziger Jahre vor. Doch die erst 1991 in Betrieb genommene Verglasungsanlage kämpfte bisher mit technischen Problemen, das offizielle Datum lautet nun 2015, Thompson hält eher 2020 für realistisch.