Tiefes Erschrecken beim Griff nach einem Buch im Goethe-Institut in Rotterdam. Auf der Titelseite prangt ein Stempel: "ausgesondert". Wieso Rotterdam? Ja, das berühmte Haus in Amsterdam, lange Jahre das Vorzeigeinstitut der Bundesrepublik an der Herengracht, darf nach dem Willen deutscher "Kulturträger" mit Büchern nichts mehr zu tun haben. Der größte Teil der Amsterdamer Goethe-Bibliothek ist ausgeräumt und verschenkt worden.

Bücher ausleihen können Goethes holländische Besucher nur noch in Rotterdam.

Trotz angespannter Finanzlage kann sich das Institut in Rotterdam einen Umzug leisten, von einem gemütlichen alten Haus in ein repräsentatives Gebäude.

Merkwürdig nur, daß ganze Reihen von Büchern nicht mit umziehen dürfen. Die stehen auf einem Karren im Foyer des alten Hauses, versehen mit dem Stempel "ausgesondert". Keine zerfledderten Exemplare, nicht etwa obskure Autoren: Blochs "Prinzip Hoffnung", Alfred Andersch, Georg Büchner, Hubert Fichte, Jürgen Habermas. "Ausgesondert" auch ein Essay von Maarten Mourik über die kulturelle Vielfalt Europas. Der holländische Diplomat, Überlebender eines Nazilagers, hat sein Buch einst den "Freunden vom Goethe-Institut" gewidmet.

Die haben jetzt ihren Stempel daruntergesetzt: "ausgesondert". Eine holländische Besucherin, die das Buch aufschlägt, den Stempel sieht, bricht in Tränen aus. Sie fühlt sich erinnert an Zeiten, wo erst Bücher, dann Menschen "ausgesondert" wurden. Goethes Sachbearbeitern sind solche Erinnerungen fremd: "Aussondern ist ein ganz normaler Goethe-Ausdruck. Es gibt Aussonderungslisten für alte Möbel und alte Bücher. Was man nicht mehr braucht, fliegt raus." Es herrscht Ordnung in Deutschlands Institut für internationale kulturelle Zusammenarbeit.