Griffelnarbenverkorkung bis zu 1 cm" definiert die EU in Verordnung Nr.

778/83 als erlaubten Schönheitsfehler der Gentomate. Die Bonner Biennale "Neue Stücke aus Europa 1998" hat sich dieses Gemüse samt Verordnung zum Anti-Maskottchen erkoren und ulkt mit herumhängenden Deko-Tomaten gegen jegliche eurokratische Gleichmacherei an. "Die Biennale ist ein Fest der Eigenheiten", beschreibt der künstlerische Leiter Tankred Dorst demgemäß das Profil seiner europäischen Werkschau und scheut dabei das Wort "Volkscharakter" nicht. Sozius Manfred Beilharz, Generalintendant Bonn, sekundiert: "Wir präsentieren den widerspenstigen Reichtum der Regionen, keinen Multi-Kulti-Mix als gesichtslose Konfektionsware von der Stange."

Dafür lassen die beiden nicht weniger als 39 Länder-"Paten", Kenner der jeweiligen Szene, nach vielversprechenden Kollegen Ausschau halten, reisen dann den empfohlenen Stücken zur Sichtung hinterher, um schließlich ihre Entdeckungen (und deren Schöpfer) mit mehreren Millionen Mark und ungezählten Stunden ehrenamtlicher Arbeit nach Bonn zu bekommen.

Bereits die allererste Vorstellung des Festivals 1998 erzählt vom Konzept der Initiatoren - von der Begegnung mit dem Anderen: Ein schwedischer Autor schickt zwei rumänische Auswanderer ins New York der Billigabsteigen, der zerschlagenen Hoffnungen. Ein Stück Fremdheit, aufgeführt in einer Blechzelle, die den Charme eines geräumten Soldatenspinds besitzt: kalt, leer, verbraucht. Genau wie die beinahe Beckettsche Beziehungshölle selbst, die das Stockholmer Teater Galeasen aus Lars Noréns Drama "Rumänen" zumindest anfänglich herausholt. Bloß die Münder bewegen sich, sonst nichts.

Befreiung ohne Erlösung in der postkommunistischen Welt diagnostiziert auch der 29jährige Makedonier Dejan Dukovski. Doch während Noréns Enttäuschte ihr Glück unter Wortkaskaden, Bourdieu inklusive, begraben, übersetzen die Paare des makedonischen Nationaltheaters ihre Verzweiflung in eine wüste Fleischesorgie, die in Skopje zum Kultereignis avancierte. Nach dem xten SM-Taumel in Strapsen und Leder verpufft die anfangs überwältigende Kraft dieses theatre of images allerdings merklich. "Wir haben verlernt, über die Liebe zu reden", verteidigt Dukovski seinen brutal-banalen Bilderbogen während der Podiumsdiskussion "Junge Autoren vom Westbalkan". Die Sprache packt er daher in die unspektakulären Sprechblasen eines homo homini lupus-Comics.

Daß sich zwischen Text und Bild der Osten vom Westen scheidet, gehört zu den spannenderen Trendanalysen des Symposiums, welches das Internationale Theaterinstitut im Rahmen der vierten Biennale organisiert hat. Während man in den neuen Nationalstaaten die dramatische Clip-Art auskostet, fordert etwa der Brite Mark Ravenhill, der den Biennale-Workshop junger Autoren leitet, die Rückkehr zur orientierungsstiftenden Sprache, zur Erzählung. Und seine ältere Landsmännin Caryl Churchill experimentiert - ebenso wie der Ire Enda Walsh - mit Kunstsprachen und anderen Künstlichkeiten: In "Blue Heart" spielt sie einerseits à la Resnais' "(No) Smoking" das Prinzip der absurden Wiederholung durch

das Gekeife am Familientisch nimmt in jeder Version eine andere Wendung bis hin zum Auftritt eines Emus. Andererseits zerbricht die Autorin die Dialoge durch die beiden willkürlich eingestreuten Wörter blue und kettle, die mehr und mehr ganze Sätze verschlingen. Der Schritt von der Groteske zur öden Etüde ist freilich klein. Sehr klein. Zu klein, um ihn in einem Zweistünder nicht zu tun. Das selbstreflexive Text-Theater ist längst an seine Grenzen gestoßen.