Normalerweise, heißt es, reichen drei Ökonomen für fünf Meinungen. Fällt aber das Stichwort "Asienkrise", sind sich die Wirtschaftswissenschaftler zur Zeit ziemlich einig. "Die Ratlosigkeit ist groß", faßt Hans-Helmut Kotz, Chefvolkswirt von der Deutschen Girozentrale, zusammen. Sein Kollege Peter Nunnenkamp vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sagt neudeutsch, er sei "puzzled". Norbert Walter, der oberste Ökonom der Deutschen Bank Research, wagt nur die düstere Prognose: "Wir müssen uns Sorgen machen."

Ratlosigkeit, Erstaunen, Angst als ökonomischer Weisheit letzter Schluß? In der Asienkrise ist die zweite Runde eingeläutet. Seither wächst die Unsicherheit über die Perspektiven der Weltwirtschaft. Es mehren sich Warnungen vor einem globalen Crash. Der Strudel hat Japan erfaßt, die zweitgrößte Industrienation der Erde. Strauchelt Japan, so die Warner, werde das auch Europa und Amerika berühren.

Der Yen ist zum Symbol der Sorge geworden. Ängstlich verfolgen Politiker und Unternehmer aus aller Welt den sinkenden Kurs der japanischen Währung, die Mitte der vergangenen Woche dank Intervention der amerikanischen Notenbank eine kurze Atempause bekam: der Kurs stieg vorübergehend auf 135 Yen für einen Dollar, um Anfang der Woche wieder auf 139 abzusacken.

"Eine noch stärkere Abwertung sollten wir verhindern. Die Folgen können wir nicht einschätzen", meint der sonst selten zu Dramatik neigende Deutschbanker Norbert Walter, "die Marke von 140 Yen pro Dollar ist nachhaltig." Der Dominoeffekt einer Abwertungsspirale in der gesamten asiatischen Region, vor dem sich nicht nur Walter fürchtet, könnte so funktionieren: Läßt Japan den Yen verfallen - so wie es in einem System flexibler Wechselkurse richtig wäre -, sinkt auch der Wert der Währungen in den Nachbarländern. Indonesien, Korea und Thailand mußten bereits Abwertungen in Kauf nehmen.

Doch schon bei der Frage nach den globalen Auswirkungen eines fallenden Yen ist auf die traditionelle Uneinigkeit der Ökonomen wieder Verlaß. Daß ein schwächerer Yen zwangsläufig in die Katastrophe führt, davon sind keineswegs alle Experten überzeugt. Eine Yen-Abwertung habe, analysiert Elisabeth Herwegh vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), auch Vorteile für die Tigerstaaten: "Die können preiswerter importieren." Ein Plus: Die Importe dieser Staaten aus Japan übersteigen die Exporte dorthin um 60 Prozent. Ihr Gewinn aus verbilligter Einfuhr ist also größer als ihr Verlust wegen schwindender Konkurrenzfähigkeit im Exportgeschäft. Auch erleichtert ein schwacher Yen die Schuldenlast der ehemaligen Hoffnungsträger der Region: Rund 45 Prozent der seit 1995 in diese Länder geflossenen Kredite und insgesamt 30 Prozent der gesamten Auslandsschulden lauten auf Yen.

Die Analysen über Ursachen und möglichen Fortgang der asiatischen Turbulenzen sind nach Ansicht von Beate Reszat "stark phantasiebehaftet". Die Ökonomin des Hamburger Weltwirtschaftsarchivs argwöhnt, daß "niemand mehr hingeht und sich die Fakten anschaut".

Die Fakten bieten bislang keinen überzeugenden Beleg für die Annahme, nach der auch China durch einen schwachen Yen gezwungen werde abzuwerten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Würden sich die Chinesen zu diesem Schritt entschließen, bekäme der Abwertungswettlauf weiter neue Nahrung