Zehntausende Iraner tanzten und jubelten in den Straßen Teherans. Sie wiegten sich im Freudentaumel, weil ihr Nationalteam vergangenen Sonntag auf dem Fußballfeld die einzige Supermacht der Welt besiegte - Labsal für das wunde Nationalgefühl. Nach fast zwei Jahrzehnten der Ächtung und Isolation hat sich das Tor zur internationalen Bühne wieder geöffnet - wenn auch zunächst nur im Sport.

Kultur und Wissenschaft folgen, und vielleicht ist schon bald die Politik an der Reihe. Ein ausgestoßenes und oft mißverstandenes Land findet seinen Weg zurück in die Weltgemeinschaft. Danach sehnt sich die Masse der Iraner, die der alten islamisch-revolutionären Slogans zutiefst überdrüssig ist. Und sie setzt ihre ganze Hoffnung in Mohammed Khatami, "ihren" Präsidenten, der in nur zehn Monaten die Atmosphäre im "Gottesstaat" radikal verändert hat.

Undenkbar noch vor einem Jahr, daß die Vereinigten Staaten nach fast zwei Jahrzehnten bitterer Animositäten die Versöhnung suchen. Außenministerin Madeleine Albright tat es am Vorabend des Fußballmatches, Präsident Clinton folgte. Noch zögert Khatami freilich. Denn der Dialog mit Washington birgt innenpolitischen Sprengstoff. Im Machtkampf der Mullahs fühlt sich der schwer bedrängte Präsident - vorerst - nicht stark genug. Gleichwohl gehört dem gemäßigten Khatami die Zukunft.

Der Präsident gefährdet die Macht des Establishments

Die Islamische Republik zeigt unter Khatami deutliche Zeichen der Veränderung. Damit begründet das offizielle Washington seine Abkehr von der Konfrontation und Isolierung des Irans. Ungeachtet massiver Widerstände des konservativen Establishments, das nach Kräften seine Macht und Pfründen verteidigt, prägt der stille Gottesmann das Land mehr und mehr. Sein Stil ist langsam und vorsichtig, in der Sache jedoch ist er bestimmt und entschlossen.

Die Fußballeuphorie zeigt dies eindrucksvoll. Bis vor kurzem versammelten sich die Massen, von Revolutionären zusammengetrommelt, um die Fäuste gegen den "großen Satan" USA zu schwenken. Diesmal stürmten sie spontan in die Straßen. Keiner rief: "Tod den USA!" Das Volk verteilte Blumen.

Als der islamische Gelehrte vor einem Jahr mit seinem Programm von Reformen, zivilen Freiheiten, Toleranz und Dialog den Iranern eine neue Zukunft verhieß, da weckte er große Hoffnungen. Selbst jene, die das islamische Regime grundsätzlich ablehnen, setzten auf diesen Geistlichen, wiewohl er dem System der Mullahs entsprang. Denn Khatami erhob seine Stimme gegen die Theokraten, die das Volk terrorisieren. Er sprach von einem Iran, "frei von Zwang", und ermutigte die Iraner, sich selbst für diese Ziele einzusetzen. Er veränderte damit radikal die politische Debatte im "Gottesstaat".