In der Nacht zum 21. April 1996 erschoß der serbische Zivilist Zlatko Jovanovic vom 5. Stock eines Mietshauses den Medizinstudenten Armend Daçi.

Der albanische Kommilitone hatte in der Hauptstadt der Provinz Kosovo mit Freunden seinen Geburtstag und eine bestandene Prüfung gefeiert. In den nächsten 24 Stunden folgte eine Serie von Anschlägen auf serbische Polizisten. In einem Café der jüngst von Belgrader Sondereinheiten zerschossenen Stadt Deçane starben damals drei Serben im Kugelhagel.

Wenige Tage danach übernahm eine bis dahin unbekannte Organisation die Verantwortung für die Attentate: die Ushtria Çlirimtare e Kosovës (UÇK). Die "Befreiungsarmee des Kosovo" erklärte den Serben in ihrem Bekennerschreiben den offenen Krieg. Gut zwei Jahre später rufen die damals kaum ernstgenommenen Freischärler alle 18- bis 55jährigen Kosovo-Albaner zu den Waffen. Derzeit will die UÇK 30 000 "Kämpfer" in ihren Reihen und 30 Prozent der serbischen Provinz von den "faschistischen Besatzern befreit" haben.

Der 21. April 1996 war nicht das Geburtsdatum der Bewegung. Das liegt, nach allem, was von den Guerillas im Kampfgebiet überhaupt herauszubekommen ist, noch etwa vier Jahre vorher. Aber auf die Beine verhalf der UÇK erst das Dayton-Abkommen über Bosnien Ende 1995. Es bezog die Albaner nicht ein und überließ das Kosovo den Serben als innere Angelegenheit. Damit wurde der gewaltfreie Widerstand, durch den die selbsternannte Republik Kosova und ihr Präsident Rugova die Unabhängigkeit von Serbien erreichen wollten, zur Illusion. Die UÇK übernahm die Aktion. Seither hat sie, aufgewertet durch die barbarischen Vergeltungsakte der serbischen Sicherheitskräfte, das Bewußtsein der Bevölkerung im Kosovo gewendet. Präsident Rugova verlor das Monopol der Gewaltfreiheit, die Politik den Primat über die Waffen.

Damit ist die Untergrundarmee des Schattenstaates mit ihrer Devise "Bis der Westen handelt, sind wir alle tot" für die Nato zu einem kaum geringeren Problem geworden als Milosevic selbst. Wenn das westliche Bündnis die serbische Politik der verbrannten Erde mit massivem Einsatz stoppen will - dann muß es auch die UÇK zu Waffenstillstand und Waffenabgabe zwingen. Das aber wird mit jedem Tag aussichtsloser: Unter dem Druck des Westens hat Präsident Rugova am vergangenen Wochenende die von ihm bisher nahezu ignorierte Befreiungsarmee aufgerufen, sich der Kontrolle durch die albanischen Politiker zu fügen. Am gleichen Tag aber unterstellten sich die Politiker von fünf Parteien dem militärischen Kurs der UÇK: Sie riefen die von der serbischen Miliz bedrohten Dörfer auf, Selbstverteidigungs-Zentren zu bilden. Rugovas Ministerpräsident Bujar Bukoshi, der im deutschen Exil residiert und noch im März erklärt hatte, "Gewalt ... wäre Selbstmord", verkündete jetzt, die Exilregierung werde alle Mittel einsetzen, um den Widerstand der Bevölkerung zu unterstützen. Auf die Frage, ob dazu auch militärische Mittel zählen, antwortete Bukoshi, den manche als den geheimen Kopf der UÇK ansehen: "Alle Mittel."

Was für Mittel sind das? Woher stammen sie? Die serbischen Regierungsmedien wissen es genau: Gelder und Waffen der Drogen- und Schutzgeld-Mafia, die in Tirana an Mudschahidin, Afghanistan-Veteranen, südafrikanische Söldner und deutsche Neonazis verteilt werden. Schon im Oktober 1996 lautete die Schlagzeile der Belgrader Zeitung Dnevni Telegraf: "130 000 Terroristen und Deserteure ließen sich in Deutschland ausbilden und kehren jetzt zurück".

So abstrus die serbische Kriegspropaganda auch ist, es gibt doch Indizien dafür, daß die UÇK aus dem deutschsprachigen Raum gelenkt wird. Zweifelsfrei steht fest, daß ihr ein ständiger Geldstrom von der halben Million Albaner im westlichen Ausland zufließt. Die Demokratische Vereinigung der Albanerinnen in Deutschland zum Beispiel sammelt offen D-Mark für den Fonds "Das Vaterland ruft". Die früher in Bochum, jetzt in der Schweiz gedruckte Wochenzeitung Stimme des Kosovo fordert nicht nur zur politischen, sondern auch zur finanziellen Unterstützung der UÇK auf.