Jedes Jahr Anfang Mai ziehen gut zehntausend Amerikaner und einige Dutzend Gäste aus Übersee nach Omaha im Bundesstaat Nebraska, um dort ihrem Guru zu begegnen. Meist dauert der Auftrieb von Samstag nachmittag bis Montag abend und besteht aus Cocktailpartys, einem Baseballspiel, Brunch im örtlichen Steakhaus und mehrstündigen Belehrungen des Meisters für seine Anhängerschaft. Manche Jünger stehen schon morgens um fünf geduldig an, um später möglichst nah am Mund des Herrn zu sein.

Der Guru heißt Warren Buffett, ist 67 Jahre alt und der wahrscheinlich erfolgreichste amerikanische Investor in diesem Jahrhundert. Eigentlich steht die Veranstaltung in Omaha unter dem eher profanen Titel einer Jahreshauptversammlung der Firma Berkshire Hathaway Inc. Aber selbst Buffett nannte das Treffen der 10 000 einmal das "Woodstock des Kapitalismus". Die Gäste sind keine Hippies und berauschen sich weder an Musik, Sex noch Drogen.

Aber einen glasigen Blick, berichten Augenzeugen, bekommen viele dennoch.

Und warum auch nicht? Immerhin hat der großväterlich-freundliche Berkshire-Besitzer einige tausend Anhänger zu Millionären gemacht. Wer 1956, als alles begann, Anteile für 10 000 Dollar kaufte, hat heute über 100 Millionen Dollar auf dem Konto. Buffett ist mit einem auf 33 Milliarden Dollar geschätzten Vermögen der nach Bill Gates zweitreichste Mensch der Welt. Mit dem Software-König verbindet ihn eine herzliche Freundschaft, ansonsten aber haben die beiden wenig gemeinsam. Während Gates gerade ein 6000 Quadratmeter großes Haus bezog, wohnt Buffett in den gleichen vier Wänden, die er vor vierzig Jahren für 31 500 Dollar kaufte. Der Milliardär trägt schlecht sitzende Anzüge, bevorzugt Fast food und steuert seinen Lincoln selbst.

All das paßt zum Image. Buffett gilt als recht provinziell und überhaupt nicht charismatisch. Sein Lieblingsgetränk ist Cola mit Kirschgeschmack, Alkohol lehnt er ab. Er lebe fürs Geld, sagte ein alter Bekannter dem Wall Street Journal, "nicht, um es auszugeben, aber um es anzuhäufen". Sein Umgang mit Zahlen sei genialisch, seine Nase für Geschäfte trüge ihn fast nie, schrieben Journalisten. Als er in der vergangenen Woche für 23,5 Milliarden Dollar den großen US-Rückversicherer General Re kaufte, galt auch das als Geniestreich. Er habe es wegen der "Synergie" getan, meinte Buffett.

Dabei war das Geschäft durchaus ungewöhnlich. Zwar vereinen sich unter dem Firmendach von Berkshire Hathaway schon jetzt rund 40 000 Beschäftigte, die unter anderem für Süßwaren-, Möbel- und Staubsaugerhersteller sowie ein Dutzend Versicherer arbeiten. Zweistellige Milliardenbeträge aber hat Buffett noch nie für eine Neuerwerbung ausgegeben. Seit jeher ist sein Investitionsstil stockkonservativ. Investiert wird nur in Firmen, die unterbewertet sind oder ihren Markt dominieren. Von dem modischen Handelsschnickschnack der Wall Street hält Buffett wenig, professionelle Investment-Manager findet er nutzlos. Befragt, was sein bevorzugter Anlagezeitraum sei, antwortete er einmal: "für immer".

Der Erfolg gibt ihm recht: Ein einziger Anteil von Berkshire Hathaway kostet heute über 80 000 Dollar und ist damit das teuerste Papier an der New Yorker Börse.