Eine Wand seines Arbeitszimmers gehört Stalin, schon seit ewigen Zeiten.

Mit ihm kann er reden. Ganz ruhig zündet sich Stalin seine Pfeife an, und dann wird er Zeit haben, ihm zuzuhören. Ihm, Heinz Junge, der von einem neuen Weg in die Barbarei erzählt, von der Macht der Banken und der Monopole, von Krieg und Katastrophen und daß es keinen gebe, der diese Entwicklung aufhalte. Stalin wird den Pfeifenrauch in die Luft blasen und nicht widersprechen. Das tut dem Kommunisten Junge gut, wenn nicht jeder seiner Sätze angegriffen und zerstört wird.

Heinz Junge lebt in Dortmund, schon seit seiner Geburt, und nicht irgendwo im tiefsten Osten Berlins, in Dresden oder im ehemaligen Karl-Marx-Stadt. Auch hat er nie darüber nachgedacht, in einer dieser Städte zu leben. Er ist "Lokalpatriot", sagt Junge. "Schon immer gewesen." Sein Klassen- und Kampfauftrag galt Dortmund. Hier wollte er überzeugen und arbeiten. Noch heute, im Alter von 83 Jahren, betreut er im Ehrenamt die Dortmunder Gedenkstätte gegen Widerstand und Verfolgung "Steinwache". Voller Stolz erzählt er, daß es vor allem seine Ideen und Anregungen waren, die bei der Gründung der Gedenkstätte berücksichtigt wurden. Heinz Junge wußte, wovon er sprach, wurde er doch in den einstigen Räumen des Dortmunder Gestapo-Gefängnisses selbst gefoltert, später verhaftet und in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Mauthausen verschleppt.

In Dortmund wissen alle vom Stalin-Bild in seinem Arbeitszimmer und von Junges Freundschaft zu Erich Honecker. Die begann schon 1932, als er ihn als "selbstlosen, bescheidenen, korrekten Menschen" kennengelernt hatte. Als Honecker nicht mehr Staatsmann war, sondern Häftling hinter den Gittern Moabits, ließ sich Junge sogar hinreißen, den Friedensnobelpreis für den gebrochenen Alten zu fordern. Niemand sei so für den internationalen Frieden eingetreten wie er. Nach seinem Tod gründete Junge das "Solidaritätskomitee Erich Honecker für alle verfolgten Sozialisten und Kommunisten". Hier finden sich Geldspenden ein, meist aus Westdeutschland. Leute kommen und diskutieren miteinander. Zum Beispiel darüber, warum gerade die DDR, "der beste Staat, der je auf deutschem Boden bestand", zum Untergang verurteilt war.

Bei Heinz Junge herrscht Klassenkampf. Daran hat sich seit seinem elften Lebensjahr nicht viel verändert. Damals trat er aus tiefster Überzeugung der kommunistischen Kindergruppe bei. So begann sein Glauben, so wurde er zum Kämpfer. KPD und DKP hießen die Parteien, in denen er sich aufgehoben und verstanden fühlte. Für sie war er ein aufopferungsvoller, geschätzter Genosse - jahrelanger Spitzenfunktionär. Aber die mit ihm kämpften, wurden immer weniger. Schließlich warf er den Mitgliedern des Politbüros der SED vor, daß der "Putsch" gegen Honecker allein von ihnen ausging. Warum sonst sei niemand gegen die Demonstranten in Leipzig eingeschritten?

Als einsamer Fanatiker bleibt er zurück. Umhüllt von Lebenslügen und Ikonen.

Einmal im Jahr kann man im Neuen Deutschland eine Anzeige lesen: "Wir gedenken des unermüdlichen Kämpfers für Frieden und Sozialismus". Den Geburtstag Erich Honeckers vergißt Heinz Junge nie.