Die wirtschaftswissenschaftlich eingekleidete Vorhut des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW), verteilt unter dem Motto: "Auf den Punkt gebracht" Argumentationshilfen im Wahlkampf. Daß es der Wirtschaftslobby dabei um "Gewinne" geht, um deren Notwendigkeit, wer wollte das für illegitim und überraschend halten?

Bedenklich wird die Sache freilich, wenn in die nur für Experten durchschaubare Trickkiste statistischer Aufbereitung gegriffen wird, um zu belegen, daß die Gewinne "der meisten Unternehmen ... längst noch nicht ausreichen, um bei Investitionen und Beschäftigung wieder Gas zu geben", wie das IW unter die Leute zu bringen versucht. In der Tat kann man trickreich vorrechnen, daß die Bruttogewinne 1996 gegenüber 1989 um fast zehn Prozent niedriger liegen. Dazu muß man freilich wissen, 1989 war ein besonders gewinnträchtiges Jahr, und 1997 war für die Gewinne viel besser als 1996, wie man an den Bilanzen für 1997, die jetzt veröffentlicht werden, ablesen kann.

Weiter kommt das IW zu seiner traurigen Gewinnermittlung, indem es eine für derartige allgemeine Aussagen gar nicht taugliche Bilanzstatistik der Deutschen Bundesbank benutzt. In dieser Statistik werden Unternehmen des warenproduzierenden Gewerbes, wesentlich die Industrie, nicht aber die Dienstleistungsunternehmen von den Banken und Versicherungen über die Werbung bis zum Grünhöker auf dem Wochenmarkt erfaßt.

Und dann werden vom IW auch noch Zahlen geschätzt, wie im Kleingedruckten am Fuße der dramatisch anzusehenden Graphik vermerkt wird. Wen wundert es also, daß beim Vergleich von Gewinn-Rekordjahren (1989 bis 1991) in Westdeutschland mit einem Jahr (1996), das längst vorbei ist, und bei der Auswahl einer nicht die gesamte Wirtschaft abbildenden Partialstatistik der für Solidität stehenden Bundesbank, ergänzt durch eigene Schätzungen, genau das herauskommt, was herauskommen soll? Gewinne, von wem auch immer, sind in Westdeutschland 1996 - nachdem wir 1993 eine Rezession hatten - nicht so hoch gewesen wie 1989 oder im Rekordjahr 1991. Max Weber, der große Ökonom und Soziologe, hat in seinem berühmten Aufsatz über die Wissenschaft als Beruf das Rezept des IW benannt: Wissenschaftlich "unredlich" sei es, "Tatsachen für sich selber sprechen zu lassen, die man zuvor sorgfältig ausgewählt hat".

Das ist das Rezept für Politik mit Fakten, Fakten, Fakten. Nicht aber das wissenschaftlicher Wahrheitsfindung.

Hätte das IW die allgemein anerkannten Zahlen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes benutzt,so wäre es für Westdeutschland zu dem Ergebnis gekommen: Zwischen 1989 und 1994 sind die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen insgesamt um knapp 30 Prozent gestiegen, bei den Dienstleistungsunternehmen betrug der Zuwachs 65 Prozent, im warenproduzierenden Gewerbe minus 5,6 Prozent. Die Zahlen für ganz Deutschland 1996 für alle Unternehmen liegen bei über 34 Prozent plus, für die Dienstleister bei 66 Prozent plus und für das warenproduzierende Gewerbe bei fast minus 4 Prozent.

Die wissenschaftlich schwerlich anfechtbare Botschaft des Politstoßtrupps vom IW hätte also lauten können: "1996 waren die Gewinne unserer Industrie in ganz Deutschland immer noch um knapp vier Prozent unter denjenigen Westdeutschlands von 1989. Inwieweit sich die Gewinne der Industrie nach dem mutmaßlichen guten Jahr 1997 und den ersten Monaten 1998 der Rekordmarke 1989 genähert haben, wissen wir noch nicht." Aber offenbar sollte mit minus zehn Prozent für 1996 Stimmung gemacht werden, auch um den Preis statistischer Exotik. War minus vier nicht zureichend dramatisch?