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Seine Frau habe ihm den ganzen Tag freigegeben, sagt Walter Wimmer augenzwinkernd. Obwohl es an diesem Sonntag genau fünfzig Jahre her ist, daß der heute 72jährige aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Aber wenn es der Rettung seiner Zeitung diene, so habe seine Frau gesagt, solle er ruhig gehen.

Walter Wimmer sieht sein Lebenswerk, die Borbecker Nachrichten, bedroht. Der WAZ-Konzern, der die eigenständige lokale Wochenzeitung im größten Essener Stadtteil Borbeck bislang geschont hat, geht nun "gegen die letzten Aufrechten wider das WAZ-Monopol vor", sagt der Journalist. Seit ein paar Wochen erscheinen in Borbeck Stadtteilausgaben der WAZ, außerdem brachte der Konzern ein neues Anzeigenblatt, den Borbeck-Kurier, heraus.

Walter Wimmer spricht vom "Einmarsch der feindlichen Truppen". Er sagt dies ganz unaufgeregt, britisch gelassen sozusagen. Mit seinem weißen Vollbart, dem leicht geröteten Gesicht und der Schirmmütze ähnelt er tatsächlich einem freundlichen und etwas kauzigen Engländer. In seine Erzählungen streut er gern englische Idiome. "We try our best!" sagt er auf die Frage, wie seine Zeitung auf die Herausforderung reagieren werde. Dabei drückt er seine Brille mit zwei Fingern fest aufs Auge, wie ein Monokel.

Aus Großbritannien hat Wimmer die Idee einer lokalen Wochenzeitung auch mitgebracht. Bei einer Familie, die er während seiner Kriegsgefangenschaft regelmäßig am Wochenende besuchen durfte, habe er immer ganz fasziniert den Mansfield Chronicle gelesen, ein Blatt, das ausschließlich über Lokales berichtete.

Als sein Vater, der bis 1932 als Redakteur gearbeitet hatte, nach dem Krieg von den Alliierten aufgefordert wurde, eine Zeitung zu gründen, ermunterte ihn Walter Wimmer, es mit einem solchen wöchentlichen Lokalblatt zu probieren. Im April 1949 erschienen dann die Borbecker Nachrichten zum erstenmal.

1953, nach dem frühen Tod des Vaters, übernahm Walter Wimmer das Blatt zusammen mit seinem Bruder, der fürs Kaufmännische zuständig war. Bald avancierte die Borbecker, wie sie überall nur genannt wird, zur größten lokalen Wochenzeitung Deutschlands. Mittlerweile sei sie die einzige, die noch in den IVW-Auflagenlisten erscheine, vermerkt Wimmer, der Verleger, stolz.