Der Pionier war ein Prophet des Untergangs. Ganz fest glaubte Frank Lloyd Wright an das große Sterben der Städte und schrieb immer neue Pamphlete gegen den Moloch Metropole, der die Moral zerquetsche. Heute, über siebzig Jahre nach seinen ersten Prophetien, könnte sich Wright bestätigt fühlen: Nur zu gern stimmen manche Urbanisten den großen Trauergesang an auf die Stadt, die sich an ihre Ränder verkrümelt, sich verstreut ins Unkenntliche oder in Datennetze verflüchtigt. Wright allerdings sah keinen Grund zur Trauer: Er haßte die Enge und den Lärm und plante sein halbes Leben lang an dem Modell einer anderen, lebendigen Stadt, die dem einzelnen eine neue Weite und Freiheit öffnen sollte. Die Vision einer urbanen Ländlichkeit war der Mittelpunkt seiner reichen, sieben Jahrzehnte langen Arbeit als Architekt - und steht jetzt im Zentrum der umfangreichsten Ausstellung, die Wright (1867-1959) in Europa bisher gewidmet wurde.

Bekannt ist der Protagonist der amerikanischen Architekturmoderne vor allem als der große Verflüssiger: Wright wollte den Raum aus den Schachteln herkömmlicher Häuser befreien, entwarf offene Grundriße, sich durchdringende Zimmer - organische Architektur, die aber den klaren geometrischen Formen immer treu blieb. Aus dieser Ambivalenz von Natürlichkeit und Ordnung, von Befreiung und Begrenzung lebt auch Wrights Stadtvision, die er in drei Büchern entwickelte. Das strenge Straßenraster seiner "Living City" weist die vielen kleinen Villen, die auf gewaltigen Grundstücken stehen, in eine strenge Systematik. Doch mächtige Verwaltungs-, Kultur- und Bürohäuser konterkarieren die Überschaubarkeit - arhythmisch angeordnet, schießen sie in die Höhe. Es sind Landmarken von hoher Eleganz, die Wright aber so willkürlich verstreut, daß sie sich nicht zum Mittelpunkt fügen.

Gemeinsam unterwegs, doch jeder in seiner Kapsel

Bewußt verzichtete er auf ein beherrschendes Zentrum: Gegen die Unkontrollierbarkeit wuchernder Metropolen stellte er seine Vision einer demokratischen Lebensweise. Jeder Einwohner seiner Stadt, die er Broadacre City taufte, sollte mindestens 4000 Quadratmeter Land erhalten, um sich befreit und autark fühlen zu können. Die Gemeinschaftsbauten hingegen halten sich im Hintergrund, versenden zwar Erhabenheit, entwickeln jedoch keine zwingende Kraft.

Ermöglicht werden sollte dies emanzipierte Verhältnis von Staat und Bürger durch motorisierte Beschleunigung: Wrights Idealpläne werden durchzogen von gewaltigen Asphaltbändern, und durch die Lüfte gondeln quallenförmige Helikopter. Alle sind gemeinsam unterwegs, doch jeder in seiner Kapsel - das schwebt als Philosophie über dieser Landschaft. Wenn Wrights Vision von der neuen Welt heute leicht verschroben und naiv anmutet, dann vielleicht, weil er alle Gegensätze aufheben wollte, weil sich Natur und Stadt nahtlos darin vereinen. Es sollte ein Ort werden für die Familie am Kamin ihres Landhauses - eine Apotheose der Mittelklasse. Millionen Amerikaner fanden sich wieder in diesem Traum, und auch deshalb ist Wright bis heute der populärste Architekt der USA. Er war der erste, der es auf den Titel des Time Magazine brachte, es gibt einen Popsong über ihn, eine Oper, einen Film und unzählige Bücher. Ein sehr amerikanischer Stadt-Traum also, nicht so lieblich wie die Ideale der deutschen und englischen Gartenstadtbewegung, nicht so rigide rational wie Le Corbusiers urbanistische Phantasien.

Vor allem Wrights selbstbewußter Umgang mit der Landschaft hebt ihn ab von europäischen Traditionen: Das Große, Schroffe und Eindrückliche fing er ein in seinen Architekturen, er huldigt der Natur und nutzt sie gleichzeitig zur eigenen Heroisierung. Das zeigt eindrücklich auch das Modell seiner städtischen Ideallandschaft, in das er viele Projekte, ob Präriehaus oder Verwaltungshochhaus, ob gebaut oder nicht, einfügte wie in einen Sammelkasten. Die lebendige Stadt eint das Werk, so vielförmig es auch ist - und das macht sich jetzt die im Vitra Design Museum präsentierte Ausstellung geschickt zunutze.

Thematisch klug gegliedert, gruppiert sich das OEuvre rund um ein großes, eigens nachgebautes Modell der Broadacre City, und es wird anschaulich, wie sich Wrights Vorstellungen von privaten, sakralen oder kulturellen Gebäuden im Laufe der Zeit veränderten. Für alle, die mit den Bauten des Architekten-Idols vertraut sind, eröffnet sich hier über die Frage nach dem Städtischen eine neue Perspektive - ein romantisch-moderner Raumbegriff gewinnt Kontur. Und für den, der zwar den Namen Frank Lloyd Wright schon einmal gehört hat, doch seine Architektur bis auf das Guggenheim-Museum in New York nicht kennt, bietet die Ausstellung einen gutkomponierten Überblick.