die zeit: Fußball-Hooligans randalieren schon seit vielen Jahren und besonders gern bei Länderspielen. Hat Sie der Gewaltausbruch überrascht?

Wilhelm Heitmeyer: Nein, mit einer solchen Explosion muß man heute leider jederzeit rechnen. Das eigentliche Problem ist das Gemisch: zum einen die expressive Brutalität, bei der nur das Gewaltgefühl zählt. Zum anderen die politisch motivierte Gewalt. Sie ist geplant und hat einen rechtsextremistischen Hintergrund. Die Täter wollen mit aller Macht ihr Überlegenheitsgefühl demonstrieren und öffentliche Räume besetzen.

zeit: Woher kommt diese blinde Zerstörungswut?

Heitmeyer: Gewalt ist bei manchen Menschen hoch attraktiv, weil sie glauben, dadurch eine besondere Identität zu finden. Daß dies eine negative Identität ist, spielt keine Rolle. Im Gegenteil, sie wird geradezu kultiviert und als Stärke verbucht. Doch wen wundert das, denn wir erleben derzeit die perverse Radikalisierung grundlegender Prinzipien einer Gesellschaft, die auf die Durchsetzungskraft des einzelnen baut und Stärke prämiert.

zeit: Die Gewalt wird brutaler, die Hemmschwelle niedriger.

Heitmeyer: Die Hemmschwellen werden niedriger, weil die Täter ihr Tun politisch begründen der Gegner wird erniedrigt und zum Freiwild erklärt.

Außerdem lösen sich soziale Verankerungen auf mit der Folge, daß es den Tätern völlig egal geworden ist, wenn andere zu Schaden kommen. Schließlich schaukeln sich die Hooligans auf, es entsteht eine besondere Dynamik, und gerade in diesen unstrukturierten Gruppen läuft die Gewalt schnell aus dem Ruder. Nicht das Handy oder die E-Mail-Adresse sind die neuen Wesensmerkmale der Hooligans, sondern ihre Unstrukturiertheit. Damit meine ich, daß sie sich an keine Regeln mehr halten und keine Hemmschwellen mehr kennen.