Beruhige dich, verlassenes Herz, beruhige dich. Ziehe hinaus in die Steppe.

Eine Stimme erhebt sich im klagenden Ton, begleitet von einer Laute, umspielt von einer Fidel, von den schleppenden Schlägen einer Trommel vorangetragen.

Die menschenleere Einsamkeit der Wüste, ihre Weite, ihr hoher Himmel, die langen Stunden der Ereignislosigkeit - sie müssen die tröstende Melancholie, den kilometerweit seufzenden Kummer dieser Musik geboren haben - Transkaukasus, Aserbajdschan. Es spielt das Alim Qasimov Ensemble (World Network Nr. 37, nur bei Zweitausendein, Fax 01805/ 24 20 01). Aber: Der Mugham (tun wir der Einfachheit willen so, als sei es ein Stil) ist Kunstmusik, gehört in die Städte, ist eine Angelegenheit von Kennern und Liebhabern - deren es in Tiflis und Baku viele gibt.

Der Aufwand an Tönen ist gering, die daraus gewonnene Intensität hingegen enorm. Die musikalische Intelligenz der Musiker ist auch dem europäisch geschulten Ohr zugängig. Das konzertante Ineinandergreifen der Stimmen, ein eng geführter Kanon, ein Variantenreichtum, der sich auch gegenüber den Tonsatzrittern hiesiger Provenienz hören lassen kann. Vor allem beherrschen die Musiker die große Form: Der Mugham Shour, das ist eine vierzig Minuten währende, spannungsvolle musikalische Erzählung mit instrumentalen Zwischenspielen und großer Dramatik, so, wenn der Sänger Alim Qasimov aus dem melismatischen Sprechgesang in die Höhe steigt: "Die zarte Blume ist fort, ich weine / Sie fügte mir nur Leiden zu, ich weine / Plötzlich kam starker Wind auf / die Glut verwehte zu Asche, ich weine." Und diese Stelle, man glaubt es nicht, nur diese Stelle steht in reinem, herzensbrechend elendem Dur.

Nicht weniges der Poesie - es ist keine zärtliche - steckt in den Musikinstrumenten selber. Der Daf, eine Rahmentrommel, bespannt mit der Haut eines Katzenwelses, gespielt vom Sänger. Der Tar, eine Langhalslaute, gefertigt aus dem Holz des Maulbeerbaumes, bespannt mit der Haut eines Kuhherzens, gespielt von Malik Mansurov, der die atmende Beschleunigung so gut versteht. Die Kamancha, eine Stachelfidel, gedrechselt aus Nußbaumholz, überzogen mit der Haut eine Störs, gespielt von Elsha Mansurov, der den drahtigen, näselnden Klang so feinsinnig auszieht. Poetisch ist aber auch die Geschichte, wonach sich Alim Qasimov - der jetzt zu den unangefochtenen Großmeistern seiner Zunft zählt - in der Armut seiner Jugend aus einer Aluminiumschüssel, Nägeln und Stromkabeln eine Laute bastelte. Der Wille zum musikalischen Ausdruck bricht sich auch unter widrigen Umständen, in kargen Landschaften Bahn. Vielleicht gerade dort.