Während randalierende Hooligans von der Insel am Rande der Fußballweltmeisterschaft die dunkle Seite des englischen Nationalismus verkörpern, verfolgt Tony Blair ein ehrgeiziges Projekt. Er will eine neue britische Identität schmieden, die europäische Integration und Kooperation nicht länger ablehnt. Der Premier treibt den Abschied vom insularen Sonderweg beschleunigt voran. Diesem Zweck dient die beinah euphorische Europa-Rhetorik, mit der er jüngst auch das Straßburger Parlament überraschte. Seit Edward Heath Anfang der siebziger Jahre hat kein Londoner Regierungschef ein solch glühendes Bekenntnis zu Europa abgelegt wie Tony Blair. Sogar seine Vorbehalte gegenüber dem Euro hat er aufgegeben. Er preist die europäische Währung schon vor ihrer Feuertaufe als "Hort der Stabilität" in Zeiten weltweiter ökonomischer und politischer Unsicherheit.

Die sechsmonatige Präsidentschaft hat bei den Briten einen Lernprozeß bewirkt. Das überzogene Selbstbewußtsein, mit dem Blair und seine Minister eine Führungsrolle beanspruchten und von Europa "Lernfähigkeit" verlangten, ist Ernüchterung gewichen. Die neue Regierung übt sich in Bescheidenheit. Sie hat begriffen, daß die Währungsunion der Prüfstein ist, an dem die Partner auf dem Kontinent die Ernsthaftigkeit des britischen Europa-Engagements messen. Je länger die Briten zusammen mit Dänen, Griechen und Schweden in der zweiten Reihe verharren, um so mehr schwindet ihr Einfluß.

Hinter den Kulissen werden deshalb die Weichen für einen beschleunigten Beitritt zum Euro gestellt. Man ist bereit, den Fahrplan umzustellen. Bislang wollte Blair erst einmal seine Wiederwahl sichern und dann, frühestens im Jahre 2001, das Referendum über den Euro ansetzen. Jetzt heißt es aus der Umgebung des Premiers, man rechne mit einer Volksabstimmung noch vor den nächsten Parlamentswahlen.

Warum dieser Sinneswandel? Blair will ein europäischer Führer werden. Der wahrscheinliche Abgang Helmut Kohls von der politischen Bühne wird ein Vakuum hinterlassen, das erstmals ein sozialdemokratisch bestimmtes Führungstrio in der EU denkbar erscheinen läßt. Zur einflußreichen Figur in der EU aber kann nur der Regierungschef werden, dessen Land beim wichtigsten Projekt europäischer Integration, der Währungsunion, mitmacht. London sind die Warnzeichen nicht entgangen. Die Euro-Zone entfaltet schon jetzt ihre Eigendynamik. Wer draußen bleibt, hat weniger zu sagen. Auch in der Londoner City greift die Angst vor britischer Euro-Abstinenz um sich. Frankfurt, aber auch Paris profitierten von ihrer Lage innerhalb der Euro-Zone. Das Umsatzvolumen der Deutschen Terminbörse könnte bald erstmals über Liffe, dem Londoner Gegenstück, liegen. Auch innenpolitisch dürfte sich ein Referendum vor der nächsten Parlamentswahl als Vorteil erweisen: Die Tories wären tief gespalten

ihre proeuropäische Minderheit würde zusammen mit Labour, Liberaldemokraten, Industrieverband und Gewerkschaften für ein Ja plädieren.

Auch die Sorge vor Murdochs europafeindlicher Boulevardpresse schwindet

schließlich verfolgt der Konzernchef ehrgeizige Investitionsprojekte auf dem Kontinent. Der Tonfall der Sun ist zahmer geworden. Dem Sun-Autor Blair dürfte das nicht entgangen sein.