Die französische Nationalversammlung hat das Einwanderungsrecht seit dem Zweiten Weltkrieg 26mal geändert. Besonders folgenreich war die Gesetzesverschärfung, die der konservative Innenminister Charles Pasqua 1993 betrieb: Ausländer, die als Touristen oder Studenten legal eingereist waren, wurden plötzlich zu sans-papiers, Menschen ohne Aufenthaltsrecht.

Gleichzeitig wurde das traditionelle Jus soli, das sogenannte Recht des Bodens, eingeschränkt: Kinder von Ausländern, die in Frankreich zur Welt kamen, waren fortan nicht mehr mit der Geburt Franzosen, sondern erst, wenn sie sich mit sechzehn Jahren dafür entschieden. Damit entfiel ein gewichtiger Grund für den Aufenthaltsanspruch der Eltern.

Der neue sozialistische Innenminister Jean-Pierre Chevènement bot Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung 1997 an, sich bei den Behörden zu melden, um die sogenannte Regularisierung prüfen zu lassen. Von den 150 000 sans-papiers, die das taten, bekommen demnächst 55 Prozent eine Aufenthaltsgenehmigung. Die neuen Einwanderungsgesetze erleichtern zwar die Familienzusammenführung und erweitern sogar den Asylanspruch um das asile constitutionnel (für Freiheitskämpfer, denen im Herkunftsland Gefahr droht) und das asile territorial (für Menschen, denen in ihrem Herkunftsland inhumane oder entwürdigende Behandlung droht). Jedoch verlangen die Regeln für die Legalisierung von Antragstellern, die jahrelang versucht haben, ihre Spuren zu verwischen, Nachweise über ihr bisheriges Leben: Mietquittungen zum Beispiel. Die Abschiebeverfahren wurden beschleunigt, so daß den Anwälten oft keine Zeit für Einspruch blieb. Da viele sans-papiers ihr Schattendasein vergebens verlassen haben, hält die Diskussion um sie an. Die Abgeordneten der Grünen waren für eine weitgehende Legalisierung der sans-papiers. Die Abstimmung über die Einwanderungsgesetze boykottierten sie. Der sozialistische Koalitionspartner hatte weder ihre Forderung nach einem uneingeschränkten Recht auf Staatsangehörigkeit durch Geburt noch jene nach Recht auf Familienleben akzeptiert. Unterstützung bekommen die sans-papiers von Künstlern und Intellektuellen. Didier Fassin, Soziologieprofessor in Paris, schrieb in Le Monde, auch sans-papiers seien nicht rechtlos. Es gebe einen "moralischen Sockel der Republik", zu dem das Recht auf Bildung wie das auf gesundheitliche Versorgung zähle.