Die amerikanische Senatorin Nancy Kassebaum Baker, Vorsitzende einer Studienkommission, die das Problem der sexuellen Belästigungen in den Streitkräften prüft, empfahl dem Verteidigungsminister, die Geschlechter bei der Grundausbildung zu trennen. Sie regte ferner an, daß die Soldatinnen künftig gesonderte Gruppen und Züge bilden sollten

damit würden erst ab Kompanie-Ebene Männer und Frauen gemeinsam ihren Dienst versehen.

William Cohen, der Chef des Pentagons, widersprach. Er zeigte sich nicht geneigt, den Skandal von Aberdeen in Maryland zu unterschätzen: In jenem Trainingslager - und wohl nicht nur dort - hatten die Ausbilder ihre Autorität brutal mißbraucht und Rekrutinnen, die ihnen anvertraut waren, zu sexueller Gefügigkeit gezwungen. Der öffentliche Zorn trug eine verständliche Unsicherheit in die Truppe. Übervorsichtige Offiziere verboten ihren weiblichen und männlichen Untergebenen, einander zu berühren oder auch nur miteinander zu sprechen.

Dieser groteske Zustand ist nicht haltbar. Dennoch ist der Verteidigungsminister nicht bereit, das Experiment der Integration abzubrechen. Er meinte, es müsse genügen, wenn die Unterkünfte von Frauen und Männern separiert und die strengen Regeln der Disziplin und des gegenseitigen Respektes eingehalten würden.

Man wünscht ihm Glück. Mr. Cohen, ein sensibler Zeitgenosse (der auch Gedichte schreibt, und nicht einmal schlechte), wird keinen leichten Stand haben. Denn die westliche Menschheit zieht sich, wenn nicht vieles täuscht, vom Ideal der Gemeinsamkeit zwischen den Geschlechtern unter lauten Klagen und Anklagen zurück. Mit welcher Passion kämpften einst ganze Generationen liberaler und moderner Geister um die gemeinsame Erziehung in den Schulen!

Nun glaubt man festgestellt zu haben, daß den jungen Mädchen mathematische und naturwissenschaftliche Studien durch die einschüchternde Gegenwart der Knaben schwerer gemacht würden. Das Problem - falls es eines ist - brannte den entschlossenen Feministinnen Schleswig-Holsteins so sehr auf der Seele, daß sie die Forderung einer Geschlechtertrennung in jenen Fächern gleich zweimal in den Koalitionsvereinbarungen der Sozialdemokraten mit den Grünen festschreiben ließen. Dabei wird es nicht bleiben. Daß man die Kinder nicht miteinander turnen lassen mag, läßt sich begreifen. Doch aufmerksame Damen stellten fest, daß es eine männliche und eine weibliche Sprache, aber auch eine männliche und weibliche Geschichte gibt: Also wird man bald genug für eine Trennung auch in diesen beiden Unterrichtsfächern sorgen. Beginnt die Frustration der lieben Kleinen in Wahrheit nicht im Kindergarten?

Nur zu. Der Fortschritt vollzieht sich durch den Rückmarsch, und der Frieden der Menschheit wird durch ihre Desintegration gesichert. Weltliche Diakonissen beider Geschlechter, die über unser moralisches Wohlverhalten wachen, befördern uns an der Schwelle des neuen Jahrtausends in die (nicht ganz so guten) alten Zeiten puritanischen Muckertums zurück. Damals war wenigstens der Religionsunterricht gemeinsam.