Vor vier Jahren lautete das Wahlargument der Liberalen: "FDP wählen, damit Kohl Kanzler bleibt". Vier Jahre später lanciert Guido Westerwelle eine andere Botschaft: FDP wählen, damit Kohl bald geht. Sentimentalitäten sind nicht die Sache der FDP. Aber bedeutsamer und für die Partei ernüchternder als die gegensätzlichen Botschaften ist das Immergleiche: Die Liberalen sind auf das Funktionsargument angewiesen, auf ihre Rolle als Mehrheitsbeschaffer in der Koalition. Je näher der Wahltag rückt, desto brüchiger wird das Selbstvertrauen der Partei, diesmal werde sie um ihrer Inhalte willen gewählt. Westerwelles Erneuerungsprojekt gestaltet sich schwieriger als erwartet.

Lange galt Helmut Kohl der FDP als idealer Partner. Die antimodernistische Aura des Kanzlers bildete den passenden Hintergrund, vor dem sich die "neue FDP" als entschiedene Reformpartei abheben konnte. Wolfgang Schäuble hingegen blieb den Liberalen nicht nur wegen seiner großkoalitionären Anflüge suspekt.

Sein Nimbus als Erneuerer, gepaart mit einer Seriosität, die den Liberalen abgeht, bedeutete von Anfang an unliebsame Konkurrenz. Erst jetzt, da der Kanzler zum Risikofall für die Koalition geworden ist, würde sich die FDP gerne als Alternative für kohlmüde CDU-Wähler empfehlen - und deshalb sogar Schäuble in Kauf nehmen. "Wenn die Koalition weiter Wahlkampf macht wie in den vergangenen Wochen, hat sie nicht den Hauch einer Chance", im Herbst noch einmal bestätigt zu werden, weiß Westerwelle.

Die Distanz zum Partner, die der Generalsekretär signalisiert, hat Parteichef Gerhard dazu veranlaßt, wieder die Nähe zu betonen. Nicht erst im August, sondern schon jetzt, auf dem Leipziger Parteitag, wird die FDP ihre Koalitionsaussage zugunsten der Union abgeben. Das ist Schadensbegrenzung. So soll das Sommertheater verhindert werden - eine FDP, die streitet, ob es klug sei, sich noch einmal an einen kriselnden Partner zu binden, und ob nicht der Zeitpunkt gekommen sei, nach neuen Konstellationen Ausschau zu halten.

Immerhin, mit der FDP der Kinkel-Ära, die sich am Ende in der programmatischen Aussage erschöpfte, liberale Politik sei Politik für Besserverdienende, wird die Partei heute nicht mehr identifiziert. Das Zurückdrängen des Staates in allen Bereichen, eine umfassende Reform des sozialen Sicherungssystems, die konsequente Steuersenkung als Investitionsanreiz und Beschäftigungsmotor, das sind die Ziele der "neuen FDP", mit denen sie in der ablaufenden Legislaturperiode die Debatte bestimmt hat. Um so frustrierender ist es für die Partei, daß sie ihrer Wähler wieder nicht sicher sein kann. Von Landtagswahl zu Landtagswahl muß sie ihre bescheidenen Zuwächse - unterhalb der Fünfprozenthürde - schönreden. Auf siebzehn Prozent schätzt die Parteiführung das Potential für die "modernste Partei Deutschlands". Mobilisieren kann sie es nicht.

Vielleicht ist es gerade die scharfe Profilierung, die es der FDP in einer konsensorientierten Gesellschaft schwermacht, Zustimmung zu finden. Zwar sucht die Partei die von ihr geforderten Reformschnitte in den Entwurf einer "liberalen Bürgergesellschaft" einzubetten. Aber am Ende entsteht doch der Eindruck, als reduziere sich die gesellschaftliche Erneuerung auf ein paar reformerische Patentrezepte, die sich von einer klientelorientierten Politik nicht unterscheiden lassen. Daß die liberalen Forderungen nach niedrigen Steuern und schlankem Staat der Sorge um das Gemeinwesen entspringen, mit dieser Botschaft ist die FDP bislang nicht durchgedrungen.

Andere Domänen des Liberalismus hat sie im Zuge ihrer Neuformierung aufgegeben. "Wir haben der Union Segmente abgehandelt", sagt Gerhard. Das spricht für sich. Vom Selbstbewußtsein einer Partei, die einmal die Außenpolitik prägte und in Rechtsstaatsfragen über alle Zweifel erhaben agierte, ist wenig geblieben. Heute erfährt der liberale Außenminister im nachhinein von den Kurskorrekturen des Kanzlers in der Europapolitik. Die Rechtsstaatsliberalen sind auf die Rolle lästiger Bedenkenträger reduziert.