Noch nie hat es eine solche Wahlkampagne gegeben. Während Helmut Kohl am Ufer des Rheins verharrt und mit den veralteten Waffen des Lagerwahlkampfes fuchtelt, ist Gerhard Schröder schon zur Berliner Republik umgezogen, er grüßt vom Ufer einer neuen Epoche. Wahlkampf? Schröder nutzt die Zeit zur Regierungsbildung. Wen interessieren noch die roten Hände, wenn der Schatten-Wirtschaftsminister Jost Stollmann eingeblendet wird? Das ist perfekt, ja glückhaft. Die Fortune beeindruckt den Beobachter. Aber überzeugt das den Wähler?

Das Politikversprechen des SPD-Kandidaten mündet in die Formel vom Bündnis für Arbeit. Darin drückt sich Schröders höchste Priorität aus, die Legitimation des politischen Wechsels und die Hoffnung, daß die Regierung die Massenarbeitslosigkeit überhaupt wieder in den Griff bekommt. Doch je genauer man hinschaut, desto vager wird das Versprechen: Der Hoffnungsträger Schröder erweist sich als Hoffender: "Es muß doch möglich sein, daß ..." Das Bündnis - eine Leerformel, eine Schimäre?

Auch Leerformeln haben einen Inhalt. Der Vorwurf der inhaltsleeren Inszenierung trifft Schröder nicht. Er hat einen Großteil des sozialdemokratischen Programms durch das Wort vom Finanzierungsvorbehalt zur Makulatur erklärt. In seiner Personalpolitik bricht er mit dem strukturkonservativen Kern der SPD. Ist also das Bündnis für Arbeit ein Codewort an die Partei, Umverteilungshoffnungen zu stornieren? Oder hat Schröder die Formel von Kanzler Kohl übernommen, um alle zu besänftigen: Der Wechsel muß kommen, damit die deutschen Verhältnisse so bleiben, wie sie sind?

Die bittere Phase der Restrukturierung und Kostensenkung ist vielerorts abgeschlossen. Die Zeichen stehen auf Expansion. Die Benennung von Walter Riester zum Sozialminister einer von der SPD geführten Bundesregierung signalisiert den Abschied vom alten Gewerkschaftsdenken. Die Hauptthemen der Agenda sind unstrittig. Und die Stühle stehen schon am Runden Tisch. Aber was will der Verhandlungsführer?

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas hat jüngst bei dem Berliner Treffen mit Schröder alle Autorität in die Waagschale geworfen, um mehr zu erfahren: Wo sind die konkreten Zumutungen und Forderungen der Politik an die Verhandlungspartner am Runden Tisch? Habermas bekam keine Anwort. Die Schmerzensliste fehlt. Ist Schröders Ankündigung, er werde die Reformen der Regierung Kohl zurücknehmen, schon eine erste Tischvorlage für die Arbeitgeberseite? Oder ist sie ein Stillhalteabkommen mit der SPD? Oder nur das falsche Signal für ein erfolgreiches Bündnis für Arbeit?

Das Bündnis heißt Streit und Einbezug der Interessengruppen - bis zu dem Punkt, da die Politik ihre Verantwortung delegiert? Der Macher beginnt sein wichtigstes Projekt mit beschränkter Haftung. Das stellt noch nicht das Bündnis für Arbeit in Frage

aber es stellt Fragen an Schröder und an seinen Vorsitzenden Oskar Lafontaine. Wollen sie bei der Arbeitsmarktpolitik den alten deutschen Korporatismus weiter stärken?