Die Bewegung in der europäischen Parteienlandschaft sorgt für Unruhe, zumindest unter den Christdemokraten. Als die Chefs der Europäischen Volkspartei (EVP) jüngst vor dem EU-Gipfel in Cardiff zusammenkamen, mußten sie sich erst einmal einigen, wer Zutritt zu ihrem erlauchten Kreis hat. Denn der Kollege Romano Prodi, Chef der Mitte-links-Regierung in Rom und zugleich einer von vielen Erben der zerbrochenen Democrazia Cristiana, hatte verärgert abgesagt, weil die christdemokratische EVP-Fraktion im Straßburger Parlament zwanzig Abgeordnete der rechten und europaskeptischen Forza Italia in ihre Reihen aufgenommen hatte. Sollte er etwa künftig mit seinem Gegenspieler Silvio Berlusconi an einem Tisch sitzen? Eifrig bemühten die EVP-Oberen sich, den engagierten Proeuropäer zu beruhigen: "Nein!", Berlusconi ist nicht dabei, er muß auch künftig draußen bleiben. So ist Prodi beim nächsten Mal wieder da.

Die EVP ist eine etwas ungeordnete Parteienfamilie, die in Italien gleich drei Schwesterparteien als Mitglieder aufweist. Heute weiß sie nicht, auf wen sie in Frankreich im Durcheinander des dortigen bürgerlich-konservativen Lagers noch zählen kann. Und sie rätselt, ob sie zum nächsten EVP-Gipfel abermals William Hague, den Führer der britischen Konservativen, einladen soll. In Cardiff durfte er nur als Gast zuhören, denn die Tories sind nach wie vor nicht EVP-Mitglied.

Ungewiß, wann und wo die EVP sich unter Vorsitz von Belgiens ehemaligem Premier Wilfried Martens demnächst trifft. Diesmal hatte die Terminnot der Partei- und Regierungschefs Ort und Zeit diktiert. "Aber", so ein Eingeweihter, "eigentlich machen wir unsere Treffen lieber zehn oder vierzehn Tage früher, um die Tagesordnung des EU-Gipfels noch zu beeinflussen." In Cardiff diskutierte man zwei Stunden lang mit Helmut Kohl über den Brief, den der Kanzler zusammen mit Jacques Chirac - auch er, als Gaullist, kein EVP-Mitglied! - gegen den ach so bedrohlichen EU-Zentralismus verfaßt hatte.

Ein Meinungsaustausch, mehr nicht. Verbindliche Beschlüsse produziert das EVP-Konklave nicht.

Die Sozialdemokraten Europas (SPE) sind da schon etwas übersichtlicher organisiert. Seit Jahren halten sie ihre "Familientreffen" am Vortag von EU-Gipfeln ab, unter dem Vorsitz ihres deutschen Vorsitzenden Rudolf Scharping. Auch er war in Cardiff. Die Linke Europas stellt derzeit zehn der fünfzehn EU-Premiers - aber auch bei den Gipfeln der SPE werden selten verbindliche Beschlüsse getroffen. Man spricht sich ab - zum Beispiel, wie man am besten ein Kapitel über europäische Beschäftigungspolitik in den EU-Vertrag von Amsterdam boxt. Das ist im vorigen Jahr gelungen. Über die Umsetzung dieses Versprechens freilich sind Tony Blair und Lionel Jospin seither unterschiedlicher Meinung.

Neue Parteien bedeuten neue Bündnisse. Selbst die Gegner Europas basteln an losen Allianzen: Frankreichs Front National (FN) und die deutsche DVU kündigten jetzt an, nach der Europawahl eine gemeinsame Fraktion bilden zu wollen - vereint durch den gemeinsamen Feind Brüssel.