Der Ersatzzug nach München ist überfüllt, er hat nur fünf Wagen. Es gibt kein Durchkommen, doch niemand drängelt. Alles ist wie immer, aber nichts wie gewöhnlich. Keiner klagt. Der Zugführer sagt "guten Tag" und nicht "Wir begrüßen Sie gern". Der Schaffner sagt nichts und damit alles. Gibt es noch Anschluß? Das sei eine Frage der Himmelsrichtung. Die Frau nickt, schweigt und liest weiter. In der Stille gibt es plötzlich viele Leser. Am Waldrand rast Eschede dem Zug entgegen. Baufahrzeuge, neue Gleise, einige Kränze. Der Zug fährt langsam. Reisende schauen aus dem Fenster, ohne Neugier. Die Blicke suchen nichts, sie tasten und zögern. Wann die weißen Züge wiederkommen, will der Junge unterm Kopfhörer wissen. Keine Antwort. "Sag schon." - "Nicht jetzt", flüstert sein Vater. "Nicht jetzt."

Deutschland sei stumpf, banal und ausdruckslos, sagt der konservative Zeitgeistkritiker, wann immer man ihn läßt. Nach Jahren seiner Sozialstaatslethargie sei der Rossinideutsche nicht mehr tragisch, nur ironisch, so leblos ironisch. Die "Tragik" und das "Tragische": Das sind die dunklen Sehnsuchtswörter einer Aufbruchsbewegung, die schon hellere Tage gesehen hat. Tragisch ist ihr alles und auch das Nichts. Ein junger Soziologe, der es besser wissen müßte, spielt mit dem Feuer und nennt die alte Bundesrepublik abfällig "ironisch", während die goldene Berliner Zukunft endlich wieder "tragisch" sei. Sozusagen glücklich tragisch, wie im altdeutschen Modell: tragische Existenz gegen flaches Leben.

Nationalgeschichte gegen Sozialstaatslangeweile. Politische Entscheidung gegen soziales Konsensgeschwätz.

Als habe er es geahnt, hat der Literaturwissenschaftler George Steiner für die deutsche Konfusion eine wichtige Unterscheidung gemacht. Das Tragische und das Unglück, schrieb er einmal, seien in der untragischen Moderne keineswegs verschwunden, sondern unsichtbar. Noch immer gibt es namenloses Unglück und unheilbares Leid, aber ein mysteriöser Verlust hat uns die Sprache verschlagen und jene imaginative Leere hinterlassen, die alle Wahrnehmung verstummen läßt. Dennoch ist die Erfahrung des Unglücks nicht vollends ausdruckslos. Anders als uns die neuen Tragiker weismachen wollen, kann man den Schock und seine Sprachspur durchaus entziffern

das Trauma ist sichtbar unsichtbar und zeigt sich im offenen Versteck, im Riß einer entsetzten Sachlichkeit, in der "Tiefe" der Oberfläche - und sei es nur im grammatischen Fiasko einer zugtechnischen Ansage. "Leider kann Ihr Anschluß hinter Hannover diesmal nicht vonstatten gehen. Wir bitten um Verständnis."