Der Lärm ist ohrenbetäubend. Maschinen stampfen, Sirenen heulen, Tag und Nacht pulsiert der Verkehr. Keine Frage, hier tobt das Leben. Im Chaos der Großstadt gehen die Menschen ihren Geschäften nach; die Kamera hechelt mit Reißschwenks von Schnappschuß zu Schnappschuß, das Fernsehen berichtet vom Autodafé eines Studenten. Das ist Hongkong in "Chinese Box", dem neuen Film von Wayne Wang.

Im Park rund um den Kaiserpalast ist es düster und still. Nur die Grillen geben ein Konzert, der Wind fährt durchs Laub, manchmal schreit eine Katze. Hier treffen sich die Schwulen, heimlich, in der Nacht: der Schriftsteller, der Dandy, der Transvestit, der Zuchthengst und wie sie einander sonst noch mit Decknamen bezeichnen. Der Mond wirft ein trübes, milchiges Licht auf den verbotenen Ort zwischen den Toiletten am Ost- und am Westende des Parks. Das ist Peking in "East Palace, West Palace" von Zhang Yuan: ein Park, weiter nichts. Ein Park, der aussieht wie eine von allen Geistern verlassene Bühne der Pekingoper.

Zwei Männer an einem unwirtlichen Ort: die Obsession einer Feindesliebe. Zunächst registriert der Polizist nur einen Perversen, aber dann mischt sich Zärtlichkeit in seine Abwehr. "East Palace, West Palace" ist der erste chinesische Film über das Tabu der Homosexualität; in der Volksrepublik darf er nicht gezeigt werden.

Wie zeigt man etwas, das man nicht versteht?

Auch Wayne Wang setzt eine Obsession in Szene: die Tragödie der unmöglichen Liebe zwischen zwei Fremden. Auch er weicht nicht in die unverfänglichen Gefilde des Historienfilms aus, sondern wagt sich mitten in die chinesische Gegenwart. "Chinese Box" wurde während der letzten Monate vor der Rückgabe der Kronkolonie Hongkong an das kommunistische China gedreht; die Erzählung reichert die Fiktion mit Dokumentaraufnahmen an und spannt den Bogen von Silvester 1996 bis zum 30. Juni 1997, dem Datum der Rückgabe.

Der britische Journalist John (Jeremy Irons) ist der chinesischen Immigrantin Vivian (Gong Li) verfallen. Sie verweigert sich beharrlich. Er möchte ein Straßenmädchen (Maggie Cheung) interviewen, das eine mysteriöse Gesichtsnarbe hinter einem Schal verbirgt. Er schreibt seit fünfzehn Jahren über Hongkong und versteht die Stadt doch sowenig wie diese Frauen. Aber auch das Mädchen läuft ihm davon. Mit dem Photographen Jim (Ruben Blades) streift John durch die Straßen, filmt, photographiert, wirft die Bilder zu Hause auf die eigenen Wände und projiziert sie auf sein Gesicht.

Der Drehbuch-Routinier Jean-Claude Carrière hat für Wayne Wang einen Opernplot à la "Madame Butterfly" improvisiert: John weiß nicht, daß Vivian als Prostituierte gearbeitet hat. Vivian weiß nichts von Johns tödlicher Krankheit. Auch das kennen wir schon: Jeremy Irons als Todgeweihter mit einer verhängnisvollen Affäre. Der Rest ist Symbolik. Der siechende Journalist steht für den Untergang des britischen Empire, die ungestüme Maggie Cheung kämpft für die Freiheit der jungen Generation, und Gong Li verkörpert die Hure Hongkong: die fremde Schönheit aus Fernost, die sich dem kapitalistischen Westen entzieht und am Ende doch hingibt. Dann lieber Puccini.