Es war ein schöner Traum für die Asiaten, ein Alptraum für die Europäer und Amerikaner: daß sich das Wirtschaftswunder in Fernost munter und endlos fortsetzen werde. Der Anbruch des asiatisch-pazifischen Jahrhunderts - gepriesen von den einen, gefürchtet von den anderen - stand nach allgemeiner Auffassung bevor. Der Triumph der autoritären "asiatischen Werte" über die individualistische Werteordnung des Westens erschien vielen als unabwendbar. "In Asien spielt die Musik" - vom Venusberg bis Vancouver verkündeten euphorisierte Minister und Manager die düstere Frohbotschaft: Wenn schon der Untergang des Abendlandes drohte, wollte man wenigstens seinen Schnitt machen.

Vor einem Jahr ist der Traum geplatzt, der Alp gewichen. Der Beginn des pazifischen Jahrhunderts wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Das asiatische Erdbeben, das die Tektonik der Weltwirtschaft ins Rutschen gebracht hat, begann am 2. Juli 1997 in Thailand. Dort konnte die Notenbank die Anbindung der unter Druck geratenen Landeswährung an den Dollar nicht länger durchhalten; sie entschloß sich, den Baht frei flottieren zu lassen. Aus dem freien Flottieren wurde in kürzester Zeit ein freier Fall. Das Beben breitete sich aus. Von Bangkok griff es nacheinander auf Kuala Lumpur, Manila und Jakarta über, schließlich erreichte es Seoul und Hongkong. Nur Taiwan blieb halbwegs verschont.

Die Auflagen des IWF treffen allenthalben auf Widerstand

Der Internationale Währungsfonds hat drei umfängliche Hilfspakete schnüren müssen: 17 Milliarden Dollar für Thailand; 43 Milliarden für Indonesien, 57 Milliarden für Südkorea. Aber die Mittel fließen nur langsam ab. Die strikten IWF -Auflagen treffen allenthalben auf Widerwillen, ja Widerstand. Die geforderten Reformen lassen sich nicht leicht durchsetzen - weder in Thailand noch in Südkorea, noch gar in Indonesien. Die wirtschaftlichen Verwerfungen lösen soziale Unruhen und politische Umbrüche aus. Der Diktator Suharto ist gestürzt worden, doch auch die Demokratien in Seoul und Bangkok geraten in Verdrückung.

Die Krise in Japan kommt erschwerend hinzu. Das Kaiserreich ist noch immer die ökonomische Vormacht Asiens. Nach wie vor erwirtschaftet es zwei Drittel des Bruttosozialprodukts der gesamten Region (einschließlich Chinas, das mit seiner zehnmal größeren Bevölkerung nur ein Zehntel der japanischen Wirtschaftsleistung zustande bringt). Doch Japan stagniert seit sieben Jahren und ist jetzt in eine regelrechte Rezession gestürzt. Sein Bankensystem ist marode, niedergedrückt von faulen Krediten in Höhe von tausend Milliarden Mark. Die Politik ist handlungsunfähig.

Nippon wird wenig unternehmen, um Asien aus der Patsche zu helfen. Im Gegenteil, die Sturmwolken über den Tigerstaaten verdüstern seinen eigenen Horizont noch zusätzlich. Da ist eine Abwärtsspirale in Gang gekommen, die sich immer weiter dreht: In den Krisenländern sinkt die Nachfrage, der japanische Export dorthin geht zurück, Japans Wirtschaftswachstum wird gebremst, die Nachfrage sinkt im Kaiserreich, dies beeinträchtigt wiederum das Wachstum der Tiger. Solange dieser Teufelskreis nicht durchbrochen wird, fällt Tokio als gestaltender Global Player aus.

Die Chinesen haben sich das japanische Versagen geschickt zunutze gemacht, um sich als verantwortungsbewußte Kraft im Magnetfeld der Weltfinanzpolitik in Pose zu werfen. So haben sie eine Milliarde Dollar zu dem Hilfspaket für Thailand beigetragen, und sie betonen Mal um Mal, daß sie, um Asien nicht in einen zerstörerischen Abwertungswettlauf hineinzutreiben, trotz des gestiegenen Konkurrenzdrucks davon Abstand nehmen werden, den Yuan abzuwerten. Für diese Zusage haben sie sich manchen Kotau eingehandelt und manches Lob. Eine "Insel der Stabilität" nennt US-Finanzminister Rubin das Reich der Mitte. Amerikanische Geschäftsleute sekundieren: Die wirtschaftliche und politische Führungsmacht der Region sei nicht mehr Japan, son- dern China. Doch derlei Lobeshymnen klingen nicht recht überzeugend.