Die Nachricht, der Berlin Verlag sei an den Bertelsmann-Konzern verkauft worden, hat in die Buchbranche eingeschlagen wie der Blitz, der aus schwarzem Himmel endlich herniederfährt. Weil die Branche Kassandras Wahlheimat ist, fürchtet man in masochistischer Freude den Donnerschlag, der den Rest der selbständigen Literaturverlage in die Arme entweder der Holtzbrinck-Gruppe oder der Bertelsmänner treiben wird. Der Schlag wäre der Wegfall der Preisbindung. Alle erwarten ihn. Die Stimmung ist miserabel.

Der Berlin Verlag, vor vier Jahren von Arnulf Conradi, dem im Streit aus dem S. Fischer Verlag geschiedenen Cheflektor, gegründet, ist in kurzer Zeit zu einer ersten Adresse für Literaturleser geworden. Dem anfänglichen Übergewicht anglophoner Autoren, darunter Nadine Gordimer, James Salter und Richard Ford, hat Conradi rasch den hochbegabten Ostdeutschen Ingo Schulze zur Seite stellen können, dessen "Simple Storys" (bitte deutsch aussprechen!) zum Ereignis des Frühjahrs wurden. Und eben hat seine Autorin Sibylle Lewitscharoff den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

Muß uns das beschäftigen? Hauptsache Bücher, und davon gibt es ja wirklich genug. Gerade darin liegt das Problem. Auf dem Buchmarkt herrscht der gnadenlose Kampf der Buchhändler um die Käufer und der Verlage um die Buchhändler. Die Titelproduktion folgt dem Wachstumszwang und steigt, die Auflagen sinken, die Rendite ist in Gefahr. Wer behauptet, die Menschen läsen weniger, findet dafür ebenso Belege wie für das Gegenteil. Glaubt man aber den Literaturverlegern, so hat sich die literarische Öffentlichkeit gewandelt. Die Bildungsbasis bröckelt, Schwieriges hat es schwerer. Verzweifelt wirbt man um die Aufmerksamkeit von Lesern, die im Bombardement der Medien immer passiver werden. Verlagsleiter berichten erschüttert von Vertretern, die mit leeren Listen zurückkehren. Einen rapiden Rückgang der Erstaufträge meldet der Buchreport .

In diesen Verdrängungswettbewerb mischt sich nun Bertelsmann ein. Früher galt die Arbeitsteilung: Hier die seriösen Literaturverlage, dort Bertelsmanns gemütvolle Schonkost. Was Goldmann, Knaus, Blanvalet et cetera publizierten, mochte sich verkaufen, hatte aber mit Literatur nicht viel zu tun und war bar jeden Prestiges. Unabänderlich krönte es Verlage wie Suhrkamp und Hanser, Kiepenheuer und Luchterhand. Hier die Kunst, dort das Geld. Daß traditionelle Häuser wie S. Fischer und Rowohlt Holtzbrinck gehörten, fiel nicht weiter auf - damals, als Erstauflagen unbekannter Autoren noch auf 3000 Stück kamen. Heute sind es manchmal nicht mehr als 300.

Und jetzt beginnt der Kampf der Riesen: Bertelsmann und Holtzbrinck. Beide haben sich durch gewaltige Zukäufe eine starke Stellung auf dem amerikanischen Buchmarkt gesichert. Da geht es auch um Lizenzen. Dieses Pokerspiel durchzustehen fällt mittelständischen Verlagen immer schwerer. Bertelsmann mag sich gefragt haben, weshalb all die tollen Autoren immerzu anderswo erscheinen. Der Erwerb des Berlin Verlags ist das Einfallstor in das Hoheitsgebiet literarischen Verlegertums. Rund zwanzig Milliarden Mark Umsatz macht Bertelsmann. Da sind die etwa zehn Millionen des Berlin Verlags eine Erdnuß. Nun kann Bertelsmann seine amerikanischen Autoren im eigenen deutschen Verlag publizieren und sich in ihrem Ruhm sonnen. Immer noch hat die Literatur ein hohes Prestige. Ist das nicht wunderbar?

Warum aber spielt Conradi das Spiel? Glaubhaft verweist er auf die gute Bilanz. David Guterson brachte den Durchbruch; Anne Michaels war ein Erfolg; von den "Simplen Storys" gingen 70 000 Stück weg, von der neuen Gordimer 25 000. Bislang habe man Glück gehabt, aber dafür gebe es keine Garantie. Der Verlag sei zu klein, um ein schlechtes Jahr auffangen zu können. Lange habe er über Möglichkeiten der Erweiterung nachgedacht. Da suchte Bertelsmann einen Nachfolger für Wolf Jobst Siedler (auch dieser Verlag gehört dem Konzern), fand Conradi, und der schlug ein. Die Verlockung schien ihm "unwiderstehlich", nämlich die Verbindung eines anspruchsvollen Literaturprogramms mit dem politischen und historiographischen Programm des Siedler Verlags. Und beide in Berlin, wo die Goldgräber ruhelos den Kies waschen.

Siegfried Unseld, der Mitbegründer des Berlin Verlags, betrachtet es "als ein schlechtes Zeichen, daß unabhängige Verlage sich in den Schoß von Bertelsmann begeben". Die Eigner seien sich darin einig gewesen, den Verlag nicht zu verkaufen, und seien zu Investitionen bereit gewesen. (Was Conradi entschieden bestreitet.) Das Gerücht, er habe seine Anteile abstoßen wollen, um Andreas Reinhart, den Gesellschafter des Suhrkamp Verlags, auszuzahlen, nennt Unseld gegenstandslos: "Der Konflikt mit Reinhart ist beigelegt. Reinhart wird mit seinen Anteilen bei Suhrkamp bleiben." Das ist insofern überraschend, als der Schweizer Milliardär noch vor einem halben Jahr aussteigen wollte.