In der DDR haben alle Schüler und Studenten die Lehre von der Grundfrage der Philosophie lernen müssen. Sie besagte, es gebe eine einzige philosophische Grundfrage, nämlich: Was ist das Primäre, das Bewußtsein oder die Materie? Auf diese Frage gebe es nur zwei Antworten, die idealistische und die materialistische. Die materialistische Antwort laute: "Das Bewußtsein ist ein Produkt der Materie, denn es entsteht als besondere Eigenschaft der Materie auf der Grundlage bestimmter Funktionen hoch organisierter Materie, nämlich des Zentralnervensystems des Menschen, insbesondere des Gehirns." Damit hatten sich die Leninisten auf fatale Weise jenem von Friedrich Engels verspotteten physiologischen Vulgärmaterialismus genähert, der da erklären konnte, "daß die Gedanken etwa in demselben Verhältnis zum Gehirn stehen wie die Galle zur Leber oder der Urin zu den Nieren".

Diese Sätze mögen sinnvoll sein im Rahmen eines evolutionstheoretischen Entwurfs, aber die Frage, was denn Bewußtsein ist, oder gar die Frage: "Wer bin ich?" beantworten sie keineswegs zufriedenstellend. Denn diese Sätze lassen sich nicht in Sätze der ersten Person übersetzen. Wenn nämlich jemand auf die Frage: "Wer bin ich?" antworten würde: "Ich bin ein Produkt der Materie" oder: "Ich bin eine Eigenschaft der Materie", machen wir uns berechtigterweise Sorgen um ihn. Was meint er nur? Will er sich etwa vor seiner Verantwortung drücken? In der Tat: Eigenschaften und Produkte sind nie verantwortlich. Denn verantwortlich sind nur Personen und nicht Dinge. Personen sind verantwortlich für ihre Produkte oder Taten und in gewissen Grenzen auch für ihre erworbenen Eigenschaften, nämlich für die, die sie sich abgewöhnen sollten. "Wenn du dich zum Ding erklärst, zum Produkt oder zur Eigenschaft, weist du dir selbst einen Platz zu jenseits von Freiheit und Würde", müßten wir jenem Sonderling antworten.

Jene materialistische Antwort ist vor allem verbreitet in zwei Bereichen, in der Gehirnforschung und in der Computerforschung, nämlich ungefähr so: Denken und Fühlen sind Funktionen der physischen Gehirnprozesse, und so etwas bringen auch Computer zustande, entweder jetzt schon oder nächstens. Dann haben auch sie Bewußtsein, und das Rätsel des Bewußtseins ist entschlüsselt.

Das ist schon ein merkwürdiger Gedanke; wenn wir eine Maschine herstellen können, die denken kann, wissen wir, wer wir sind. Stimmt das denn? Der Satz: "Der Mensch ist eine Maschine" ist ja wiederum nicht ohne Selbstbezichtigung in die erste Person übersetzbar!

Eine christliche Grundeinsicht lautet: Der Mensch ist anderes als seine Taten oder Produkte. Aber das wird vielleicht nicht mehr als Argument akzeptiert.

Also nehmen wir uns ein Beispiel aus der Gehirnforschung vor. Kürzlich wurde berichtet, daß Itzhak Fried an der Klinik der University of California durch einen Zufall dasjenige Areal im Gehirn entdeckt hat, das für das Lachen zuständig ist. Bei der Untersuchung einer Epileptikerin hat er eine bestimmte Gehirnregion mit einer Elektrode gereizt, und plötzlich fing sie an zu lachen. Je stärker der Reiz war, um so witziger fand sie die Ärzte um sich herum und die Bilder, die ihr gezeigt wurden. Die Umstehenden dagegen sahen keinen Grund zum Lachen.

Was genau ist hier entdeckt worden, und was kann man aus dieser Entdeckung lernen? Entdeckt worden ist, daß diese Gehirnregion aktiv wird, wenn jemand lacht. Wir können folgern, daß jemand nicht lachen kann, wenn diese Gehirnregion beschädigt ist. Daß sie funktioniert, ist Voraussetzung für das Lachen, und zwar notwendige Voraussetzung(Conditio sine qua non), nicht aber zureichende Voraussetzung (Conditio qua), denn diese Patientin überraschte ja die Umstehenden durch ein Lachen ohne Grund, genauer: bloß mit Grund im Gehirn, aber ohne Grund in der Welt. Nichts Lächerliches war vorgefallen. Es war ein wertloses Lachen, und wenn wir nicht wüßten, daß es von der Elektrode kommt, würden wir sagen: Die Arme ist verrückt, das ist ja ein irres Lachen.