Noch einmal ins Stadion? Noch einmal Fußball? Noch einmal Fans? Da kommen sie schon, weiß und schwarz, die Deutschen sind's. Gleich spielt Deutschland gegen Mexiko. Die Nationalhymnen, das milde Grün des Rasens, zum sechsten Mal in dieser Woche. Und dann eine Halbzeit lang Fußball, wie man ihn nicht sehen will: Gewürge & Gekrampfe.

Soll so eine Reise ins Innere dieser Weltmeisterschaft enden? Sechs Spiele in sieben Tagen. Vier Städte: Montpellier, Marseille, Lens, Paris. Zehn Mannschaften: Brasilien, Norwegen, Deutschland, Iran, Chile, Nigeria, Dänemark, Mexiko, England, Kolumbien. Es ist auch ein Selbstversuch, ein Härtetest: fast täglich ins Stadion, fast täglich Fans und Fußball. Wann kommt der Überdruß?

Weiter nach Lens, in den Nordosten Frankreichs, wo England gegen Kolumbien spielt. Eine neue Rolle: Kriegsberichterstatter. Als ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene die Hauptstraße hinunterrast, kommt kurz darauf ein Kameramann angerannt. Er ist dick und trägt die schwere Kamera, aber er rennt wie der Teufel. Er muß dorthin, wo die Sirenen tönen. Alle Journalisten müssen dorthin. Fußball ist Nebensache in Lens, seitdem hier deutsche Hooligans einen Polizisten fast umgebracht haben.

Die Geschäfte sind geschlossen und mit Gittern bewehrt. Patrouillen schwarz gekleideter Männer mit Helmen und Knüppeln ziehen durch die Stadt. Ständig knallt es, als würde geschossen, aber es sind nur die Bierflaschen, die Polizisten am Bordstein zerschellen lassen. Es gilt Prohibition. Gesoffen wird trotzdem.

Lens - 35 000 Einwohner - ist zu klein für 30 000 Fußballfans. Sie sind überall, beherrschen die Stadt, und so geballt machen sie alles andere als einen guten Eindruck. Es stinkt nach Bier und Pisse, die Straßen sind übersät mit Dosen und Pizzapappe. Auch die Kleinsten und Schmalsten brüllen wie die Löwen, und Raufereien sind schnell vom Zaun gebrochen. Einer kotzt, und der andere liegt daneben im Dreck. Als vor einigen Tagen die Deutschen hier einfielen, war das nicht anders. Immerhin lassen sich diesmal Hooligans nicht blicken.

Dann beginnt ein Spiel, nicht England gegen Kolumbien, sondern England gegen die Fensterscheiben. Es beginnt harmlos. Ein paar Jungs, die auf dem Boulevard Émile Basly herumlungern, kicken sich einen Ball zu. Allmählich werden die Schüsse härter, gehen höher hinaus, bis es nur noch ein Ziel gibt: Fenster zerstören. Die Mienen der Spieler werden ernst, verbissen, sie halten jetzt voll drauf. Der Ball wird zum Geschoß. Er springt zurück von den Fassaden, knallt auf den Asphalt, bis ihn der nächste Tritt davonjagt. Die Menge grölt vor Vergnügen.

Ingeland, Ingeland, Ingeland.