In Deutschland beklagen wir gerne die politische Abstinenz der Intellektuellen. Zählt man allerdings auch die Sozialwissenschaftler dazu, dann hat es in letzter Zeit erfreuliche Versuche der Einmischung in öffentliche Angelegenheiten gegeben. So überreichten in der vergangenen Woche namhafte Soziologen und Pädagogen - darunter Andreas Flitner, Martin Baethge und Robert Picht - dem Bundespräsidenten ein "Memorandum zur Ausbildungskrise", das beansprucht, wirksame Vorschläge zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit zu enthalten. Einiges leistet dieses Manifest, anderes nicht.

Zuallererst trägt es dazu bei, das Thema Jugend - und zwar Jugend in Schwierigkeiten - in der politischen Diskussion unausweichlich zu machen. Das ist wichtig, denn die unter Dreißigjährigen haben als Generation wenig eigene Stimmen; die benachteiligten Problemgruppen sind ohnehin kaum fähig, sich zu artikulieren, und die demographische Entwicklung führt dazu, daß die Jüngeren als politischer Faktor immer unbedeutender werden.

Ihre Hauptaufmerksamkeit gilt den Hauptschul- und Ausbildungsabbrechern. Diese haben auf dem Arbeitsmarkt die schlechtesten Chancen, denn die einfachen Tätigkeiten, die sie bewältigen könnten, fallen den Rationalisierungsbemühungen des öffentlichen Dienstes und der Unternehmen zum Opfer.

Das Memorandum nennt eine Reihe von Möglichkeiten, die Aussichten der Jugendlichen wenigstens relativ zu verbessern: etwa die Einführung von Zwischenzertifikaten für einzelne Stufen der Berufsausbildung, da durch sie Spezialisierungen möglich würden, die starre Ausbildungsordnungen bisher nicht zulassen.

Sinnvoll ist auch die Anregung, alle Überbrückungsmaßnahmen der Arbeitsämter mit Qualifizierungselementen zu versehen, so daß offensichtlich sinnlose Beschäftigungswarteschleifen vermieden werden. Und es ist sicher richtig, daß der Schule in dürftiger Zeit neue Aufgaben der Berufsvorbereitung zuwachsen, die sie freilich nicht allein und nicht zum Nulltarif bewältigen kann.

Hier zeigt sich aber auch der erste Schwachpunkt des Manifests: Es bleibt vage, wie die wünschenswerte zusätzliche Beratung und Qualifizierung der Jugendlichen, die Vernetzung der Ausbildungsangebote und nicht zuletzt die staatliche Subventionierung der Ausbildungs- und Arbeitsplätze für besonders benachteiligte Jugendliche bezahlt werden sollen. Der Hinweis auf geringere soziale Reparaturkosten bei gelungener Arbeitsmarktintegration ist ebenso wohlfeil wie die tapfere Ankündigung, auch über Studiengebühren oder die Höhe der Ausbildungsvergütungen diskutieren zu wollen.

Es fehlt den Bildungsexperten, zweiter Schwachpunkt, eine wirtschaftspolitische Vorstellung davon, wie die Unternehmen über bloße Appelle hinaus dazu bewegt werden können, Arbeitsplätze für die Frischausgebildeten zu schaffen, die auf den Arbeitsmarkt drängen.