Zuletzt traf es die Belegschaft zweier Krankenhäuser in der Lüneburger Heide. Die Kliniken im Landkreis Uelzen wurden zusammengelegt, um Personalkosten zu sparen. Bundesweit werden derzeit Arbeitsplätze in den Krankenhäusern abgebaut. Allein im letzten Jahr ist die Zahl der Ärzte ohne Arbeit um etwa 3000 gestiegen, also um fast vierzig Prozent. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit sind zur Zeit etwa 10 000 Ärzte arbeitslos gemeldet. Der Marburger Bund, der größte Ärzteverband in Europa, geht von einer noch sehr viel höheren Zahl aus.

Viele Jungärzte fliehen nach Großbritannien, wo AiP-Stellen (Arzt im Praktikum) noch in Hülle und Fülle zu haben sind. Zwar meint Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, "die Abschiebung arbeitsloser Ärztinnen und Ärzte ins Ausland" könne nicht die Lösung für hausgemachte Probleme sein. Aber wer hierzulande nach sechs Jahren Studium keine Praktikumsstelle findet, bricht eben lieber zu neuen Ufern auf als seine Ausbildung ab. Im britischen Königreich bekommen angehende Mediziner auf nahezu je- de Bewerbung eine Einladung zu einem Gespräch. Wen es nicht auf die Insel zieht, der kann nach Dänemark auswandern oder in norwegischen Krankenhäusern unterschlüpfen. Vor allem im hohen Norden werden Assistenz- und Fachärzte gesucht. Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt eröffnet neue Chancen im Land der Mitternachtssonne vorwiegend für Allgemeinmediziner, Anästhesisten, Chirurgen, Geburtshelfer, Gynäkologen, Kinder- und Erwachsenenpsychiater, Pathologen und Radiologen.

11 000 Mediziner drängen jährlich auf den Arbeitsmarkt

Die Lübecker Dräger Forum GmbH und die Fachhochschule Lübeck richten sich mit ihrer Fortbildung zum Krankenhaus-Manager nur an Ärzte. Von sechs Medizinern, die im vergangenen Jahr an der einjährigen Maßnahme teilgenommen hatten, haben drei heute eine Arbeit, zwei stehen in Verhandlungen. "Krankenkassen und private Krankenhäuser sind gute Abnehmer", berichtet Hans-Joachim Mondorf von der Firma Dräger Forum. Durch die Privatisierung im Gesundheitswesen würden Leute dringend gesucht, die medizinisches Fachwissen haben, aber auch betriebswirtschaftlich denken können. Die 20 bis 25 Krankenhaus-Manager, die die Dräger Forum GmbH jährlich ausbildet, sind angesichts der Arbeitslosigkeit allerdings "ein Tropfen auf den heißen Stein", gibt Mondorf zu.

Auch anderswo winken Alternativen zum Skalpell - zum Beispiel in der Gesundheitspolitik. Zwei Jahre lang müssen Ärzte pauken, die sich für den Bereich Gesundheitswissenschaften/Public Health entscheiden. Aufbaustudiengänge bieten mittlerweile neun Unis an, darunter Bielefeld, Ulm, Heidelberg, Dresden, Bremen und Düsseldorf. Bei Gesundheitsämtern, Krankenkassen oder Wohlfahrtsverbänden sollen sie die Gesundheit der Bevölkerung durch Aufklärung und Vorbeugung fördern.

Mediziner mit Hang zur Technik werden an der Technischen Fachhochschule Berlin innerhalb von drei Jahren zu diplomierten Medizin-Informatikern ausgebildet. Sie sollen sich in Krankenhäusern um die Verarbeitung von Labordaten oder die Intensivüberwachung kümmern. Ein Job könnte sich für die durchschnittlich vierzig Studenten eines Jahrgangs auch in der medizintechnischen Industrie, bei Gesundheitsverwaltungen oder Forschungseinrichtungen auftun.

Ob nun als Einstieg in den Job oder als Aufstieg in die Führungsriege: Die Weiterbildung weg vom Patienten ist angesichts von mehr als 11 000 Medizinern, die jährlich neu auf den Arbeitsmarkt drängen, und einer fast genauso hohen Zahl arbeitslos gemeldeter Ärzte kein Allheilmittel. Das wird aber auch nicht unbedingt gebraucht. Denn die Stellenmisere ließe sich auf ganz anderem Wege sehr schnell beseitigen. "Heute beträgt die Wochenarbeitszeit 38,5 Stunden - allerdings nur auf dem Papier", beanstandet der Marburger Bund schon seit geraumer Zeit. "Fast neunzig Prozent aller Krankenausärztinnen und -ärzte machen regelmäßig Überstunden, bis zu siebzig Stunden monatlich." Mehr als 20 000 Stellen könnten geschaffen werden, würde man, statt Ärzte umzubilden, die Arbeit umverteilen.