Der Wortschwall ihrer Kommilitonin reißt die debattenhungrige Studentenschaft mit, nichts bleibt mehr von der anfänglichen Zurückhaltung. Auch Bill Clinton erlebt nun die Mischung aus Patriotismus und Freiheitsbewußtsein, die schon immer ein Charakteristikum war für die Peking-Universität. Viele der großen politischen und intellektuellen Reformbewegungen gingen aus diesem geistigen Zentrum Chinas hervor. Nicht immer orientierten sie sich an westlichen Freiheitsidealen. Auch während der Studentenrevolte von 1989, die hier begann und mit dem Tiananmen-Massaker endete, spielte die Gleichheitsforderung des Sozialismus eine ebenso große Rolle wie der Freiheitsanspruch der Demokratie. "Eure kritischen Fragen waren viel wichtiger als meine Rede", lobt Bill Clinton die Studenten. Geduldig steht der Präsident ihnen Rede und Antwort. Er verteidigt Washingtons Waffenlieferungen an Taiwan und das Sicherheitsbündnis mit Japan. Er preist die amerikanischen Freiheitsideen als Voraussetzung für den Einstieg ins Informationszeitalter. Der Präsident zitiert einen der Gründungsväter seiner Nation, Benjamin Franklin: "Unsere Kritiker sind unsere Freunde, denn sie zeigen uns unsere Fehler."

Die Studenten erwarten positive Signale vom Präsidenten

Inzwischen hat der amerikanische Präsident die Bühne gewechselt. Er ist aus dem düster verhangenen Audimax herausgetreten auf das Campusgelände. War ihm drinnen noch die Ernsthaftigkeit einer Philosophieveranstaltung begegnet, schlägt ihm draußen auf der grünen Wiese Festivalatmosphäre entgegen. Tausende sind gekommen, jubeln Clinton zu. Alle Sicherheitsvorkehrungen, so hat es der Präsident entschieden, fallen für dieses Mal weg. Die Menge darf ihren Star sogar anfassen. Sie wiegt sich wie bei einem Rockkonzert, als Clinton sich Hände drückend durch das Publikum schiebt. "Dank eures Idealismus wird China immer jung bleiben." Der guten Worte hat der Showmaster nie zuwenig.

Alle, die Clinton gesehen haben, sind von seinem Charme und seiner Jugend beeindruckt. Chinesische Spitzenpolitiker wirken neben ihm alt und farblos. Und doch bewahrt sich die Studentenelite eine gewisse Skepsis gegenüber der Amerikanisierung des Landes. So sind die Verhältnisse in China denn doch nicht, daß sich der amerikanische Präsident nur auf einen Balkon stellen und "Ich bin ein Chinese" rufen müßte, um die fremde Nation auf seine Seite zu bringen.

In dem Bauerndorf Xiahe in der Nähe der alten Kaiserstadt Xian ist Clinton schon am Tag nach seiner Ankunft den Sorgen des chinesischen Alltags begegnet. Vor einer ausgefegten Lehmziegelhütte, in deren Innenhof drei dunkelrote Rosen blühen, hat sich der amerikanische Präsident zum Gespräch mit den Dorfbewohnern niedergelassen. Man redet über die Armut der Landbevölkerung - über das Schicksal von 900 Millionen Menschen. Amerika ist weit weg. Der dreizehnjährige Jiang Li Bo, ein verlegener Schuljunge im zu großen Mickymaus-T-Shirt, weiß immerhin, was Demokratie bedeutet: "Da wählen die Menschen den Präsidenten." Genau davon spricht Clinton zu den Bauern. Er lobt die Tatsache, daß schon jedes zweite chinesische Dorf einen Bürgermeister frei gewählt hat. Der junge Jiang hört indessen längst nicht mehr zu. Er wundert sich, wie hünenhaft der Mann aus Amerika ist - und warum seine Tochter schwarzlackierte Fußnägel hat.

Von Globalisierung wollen die Arbeiter nichts hören

Auch das Gespräch mit den Arbeitern vor dem riesigen Shougang-Stahlwerk am Rande Pekings verläuft stockend. Clinton hält für sie nur die harten Wahrheiten des Kapitalismus bereit. "Jetzt müßt ihr auf dem Arbeitsmarkt miteinander konkurrieren", wendet er sich in einer Grundsatzrede an die chinesischen Arbeiter. "Die globale Wirtschaft zwingt euch, mit der Qualität und Kreativität der übrigen Welt gleichzuziehen." Bei seinen Zuhörern stößt Clinton damit auf wenig Gegenliebe. "Ich interessiere mich nicht für amerikanische Demokratie, weil ich bald arbeitslos sein kann", empört sich der 27jährige Elektriker Liu Guoxin. Liu spürt, daß die Welt, die Clinton nach China bringt, seine Zukunft in Frage stellt. "Die Amerikaner werden selbst wissen, warum sie freundschaftliche Beziehungen zu China pflegen", argwöhnt der Arbeiter. "Zuallererst werden davon die amerikanischen Unternehmen profitieren."