John ist ein aufgeweckter Zehnjähriger und erzählt gern lebhaft Geschichten. Er rudert mit den Armen, wackelt mit dem Kopf und benutzt alle möglichen gestischen und mimischen Ausdrucksformen. Ein Sprachtalent, aber mit dem Schreiben hapert es. Das umständliche schriftliche Fixieren seiner Phantasien erscheint ihm langweilig. Doch der Computer erlöst John aus seiner Not: Dramatische Verben färbt er einfach rot ein, bedrohlich tönende Substantive werden dunkel, die Textgestalt variiert er von Ereignis zu Ereignis - mit Hilfe der typographischen "Gestik" findet John wieder Spaß am Erzählen.

Eine kleine alltägliche Geschichte, doch für Seymour Papert ist sie bezeichnend. Der amerikanische Computerwissenschaftler und Vordenker der digitalen Pädagogik kennt viele Johns und ihren Ideenreichtum beim Zusammenfügen von Symbolen - und er weiß um die erstaunliche Geduld, die oft gerade lerngestörte Kinder dabei aufbringen. Mit seinem Buch "Die vernetzte Familie" will Papert auch deutsche Leser von der Nützlichkeit der Computer überzeugen. Damit greift er ein zentrales Thema der gegenwärtigen Bildungsdebatte auf, und als ehemaliger Mitarbeiter von Jean Piaget und späterer Entwickler der Kinder-Programmiersprache Logo hat Papert dazu auch Interessantes zu sagen. Doch sein Buch leidet an einer seltsamen Ungereimtheit: Zum einen möchte es für die elektronischen Lernhilfen werben - zum anderen vermeidet es jeden Hinweis auf allzu drastische Veränderungen, die Eltern oder Lehrer ängstigen könnten.

Auch sein Argument, nichts frustriere Kinder mehr, als während des Lernens von Erwachsenen abhängig zu sein, ist zweischneidig. Beim Zusammenfügen von Text- und Graphikelementen, so der Computerpionier, lernten Kinder selbständig syntaktische Regeln, graphische und geometrische Formen. Diesen Vorgang nennt Papert, in Anlehnung an Piaget, "natürliches Lernen". "Natürlich" soll wohl bedeuten, daß die Beherrschung der Computertechnik heute ebenso selbstverständlich zur Erkundung der Welt gehört wie das Lego- oder Sandkastenspiel. Doch bezeichnenderweise begründet Papert dieses Argument gar nicht. Sein Plädoyer richtet sich zwar gegen die schulische Organisation des Lernens, spricht aber keineswegs zwangsläufig für den Einsatz von Computern! Dem natürlichen Lernen könnte im traditionellen Unterricht durchaus mehr Platz eingeräumt werden, wenn Schulbürokratie und Lehrermentalität es nur zuließen - den Computer braucht es dazu nicht. Und Kenntnisse von Programmierungen erst recht nicht.

Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Papert beklagt, daß die heute geläufigen Edutainments (ein verkorkstes Wort für eine verkorkste Sache) den medialen Möglichkeiten bei weitem nicht gerecht werden und eigentlich nichts anderes seien als der Versuch, eine überholte Lernmethodik mit bunten Bildchen und interaktiven Tricks noch einmal attraktiv zu machen - er spricht anschaulich von "Vogel-Strauß-Cyberologen". Immer wieder hat er mit seiner Kritik recht, bleibt aber in der Ausführung der Konsequenzen merkwürdig unpräzise - was, möchte man doch endlich wissen, wäre denn ein "angemessener" Einsatz von digitaler Technik?

Nur in zwei kurzen Passagen läßt der Autor dann (sehr vorsichtig) die Katze aus dem Sack. Auf Seite 94 schreibt er: "In sehr naher Zukunft wird uns die Unterscheidung zwischen Büchern, Filmen und Fernsehen überholt und merkwürdig vorkommen." Und weiter vorn erläutert er, "daß die Hardware beim Herunterladen ... nicht weiß, ob diese Bits ein Bild, einen Ton oder ein Stück Text oder ein Computerprogramm produzieren werden". Schreibt es, verweist beiläufig darauf, daß diese "Tatsache einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte der intellektuellen Entwicklung darstelle", und empfiehlt, Details in Nicholas Negropontes "Being digital" nachzulesen - ganz so, als sei es völlig unproblematisch, von Lernen und Bildung ohne tiefere Kenntnis dieses "Wendepunktes" zu reden.

Dabei hat er sehr wohl einen weitreichenden Sachverhalt zur Sprache gebracht hat: Die digitale Technik ist offen für jede Art der Veränderung, jede Art der Transformierung von Zeichen. Das Internet und die Computertechnik haben eben die Eigenart, einen völlig neuen Gebrauch von Symbolformen zu provozieren und langfristig möglicherweise eine ganz eigene Symbolik zu entfalten. Man muß sich nur die Entwicklung des World Wide Web von einer anfänglichen Textstruktur hin zu einer Art Cyberspace aus Worten, Videobildern und Graphiken anschauen. Und nur dieser Hintergrund macht Paperts Plädoyer für eine auf Kinder zugeschnittene Programmiersprache sinnvoll.

Doch darf man dem Autor vorwerfen, daß er auf Kosten der argumentativen Glaubwürdigkeit Rücksicht nimmt auf Eltern, die sich vor der Unabsehbarkeit dieser Erneuerungen ängstigen? Und die sich zudem ziemlich allein gelassen fühlen?