Deutschland, im Frühjahr 1998. Ein Land erbt. Ein Vermögen von zwei Billionen Mark wechselt die Besitzer. Aber wer erbt was? Wer sind die Erben? Und viel wichtiger noch: Was machen die Erben aus ihrem Vermögen? Was wird aus all den Firmen, die zu Tausenden nach dem Krieg gegründet wurden, deren Gründer nun dem Ruhestand entgegengehen? Vier Millionen Arbeitsplätze in Deutschland hängen daran. Und jetzt? Hören die Erben den Lockruf der Bahamas? Sie hören ihn nicht. Susanne Hinsemann etwa lockt der Wurst Basar in und um Hannover.

Der Wurst Basar, das ist eine Kette von Metzgerläden mit wurstrosa, fleischrosé und käsegelb prallgefüllten Kühltheken. Das sind Läden, an deren Imbißtheken gehetzte Angestellte und Arbeiter nach Fleischwurstbrötchen verlangen. Der Wurst Basar, das sind zudem eine Fleischwaren-fabrik im Speckgürtel der niedersächsischen Hauptstadt und ein Tochterunternehmen in Zeven, "so bei Rotenburg an der Wümme", sagt Susanne Hinsemann. Blond, kleine blaue Augen, mittelgroß, von energischer Art.

Und nun - zur Mittagszeit - sitzt sie mittendrin. Oben, in der dritten Etage des großen Wurst-Basar-Restaurants in der Georgstraße in Hannover-Innenstadt. Gefliester Fußboden, robustes Holzmobiliar, helle Fenster. Ein Geschoß darunter die gläsernen Theken, hinter denen weißgeschürzte Mitarbeiter Spargel oder Stücke vom Spanferkel auftun. Wo Salat darauf wartet, aufgeladen und angemacht zu werden. Das Restaurant in der hannoverschen Innenstadt ist so etwas wie das Meisterstück der Susanne Hinsemann. Denn das Lokal ist ihre Erfindung. Hier führt sie alleine die Geschäfte. In dem großen Unternehmen kümmert sie sich vor allem um Personalangelegenheiten und Vertrieb. "Bei Themen wie Produktion oder kaufmännischen Fragen", sagt sie, "bin ich noch auf meinen Vater angewiesen."

Der weiß einfach soviel mehr. Macht das schon dreißig Jahre. Hat aus der Metzgerei des Großvaters Hinsemann im Kleineleutequartier Hannover-Linden diesen Riesenbetrieb mit über vierzig Filialen gemacht. Als Susanne Hinsemann 1965 geboren wurde, da wohnte die Familie noch direkt über dem Laden. Das war die Zeit des großen Fressens in Deutschland, in dem eine zu bescheidenem Wohlstand gelangte Nachkriegsge-neration gut und vor allem viel essen wollte und von BSE noch keine Rede war. Günstige Bedingungen für eine Expansion. Und da hatte der Vater die Firma von heute auf morgen übernommen und immer weiter vergrößert.

"Vater war immer auf Achse. Mutter hat im Geschäft mitgeholfen." Klar, Susanne hat das nicht so toll gefunden, daß ihr Vater erklärte, er werde nie der "Laubsägen-Papi" sein. "Trotzdem hatte ich immer wahnsinnigen Respekt vor ihm. Was der alles machte!" Und sie merkte: "Eines Tages muß ich mich entscheiden: Will ich in dem Strudel mitschwimmen?"

Sie hat dann nach dem Abitur, wenn angehende Bankkaufleute und Reiseagentinnen in Anzug und Kostüm schlüpfen, sich eine Schürze umgebunden und eine Lehre als Fleischfachverkäuferin gemacht. Danach studierte sie Ökotrophologie, was man sich als eine Mischung aus Hauswirtschaftslehre und Ernährungswissenschaft vorstellen muß. Anschließend arbeitete sie bei einem Käsehersteller im Vertrieb. Das seien zwei Jahre gewesen, in denen sie viel Spaß hatte mit ihrem Job. Und in denen sie zwar daran dachte, "daß ich in der Firma von Vater anfangen könnte". Aber das war zunächst gar nicht ihr Ziel. "Wenn man so einen starken Vater hat, muß man eigene Weg gehen." Sagt Susanne Hinsemann, und dabei spürt man, daß die junge Frau ganz vom Schlage ihres Vaters ist.

"Ich will was leisten. Ich will was bewegen", hatte sie in ihrer Zeit in der Käsebranche gemerkt. Sie hatte Bestätigung bekommen, nicht "weil ich Tochter Hinsemann war, sondern weil ich meine Sache gut gemacht hatte".