Erben des Geistes

die zeit: Die vom amerikanischen Kongreß ausgerufene Dekade des Gehirns geht zu Ende. Gab es in den vergangenen Jahren der Bewußtseinsforschung tatsächlich wichtige Fortschritte, oder diskutieren wir immer noch dieselben Probleme?

Patricia Churchland: Entscheidend ist, daß immer mehr Leute akzeptieren, daß Bewußtsein tatsächlich ein naturwissenschaftliches und nicht nur ein philosophisches Problem ist. Zu Beginn der neunziger Jahre versuchten die meisten Philosophen zu erklären, warum man Bewußtsein niemals erklären kann. Ihre Argumentation war immer dieselbe: "Wir wissen nicht viel über Bewußtsein, daher wissen wir, daß Bewußtsein nicht erklärt werden kann." Jetzt, am Ende des Jahrzehnts, hat sich diese Position grundlegend gewandelt. Es gibt eine junge Generation von Philosophen, die ihre eigenen Experimente zum Bewußtsein durchführen. Sie haben die Grenzen der Disziplin überschritten, und das ist gut so.

zeit: Stehen sich diese beiden Gruppen denn immer noch unvereinbar gegenüber?

Churchland: Wer heute noch erklären möchte, warum man Bewußtsein nicht erforschen kann, hat große Probleme, das plausibel zu machen. Doch es gibt nach wie vor Philosophen, die behaupten, nichts von dem, was wir über das Gehirn lernen, könne uns irgend etwas über die Natur des Geistes offenbaren. Sie sollten es besser wissen. Ich bin mit einigen dieser Skeptiker befreundet, aber in solchen Debatten würde ich ihnen am liebsten den Hals umdrehen.

zeit: Welche Bedeutung hat die deutsche Philosophie in der internationalen Debatte?

Churchland: Die aktuelle deutsche Philosophie ist in den Vereinigten Staaten kaum vertreten. Doch auch hier sehe ich eine nachwachsende junge Generation. Manche Strömungen und Theorien in der Wissenschaft werden erst abgelöst, wenn ihre Vertreter aussterben. Das scheint auch für die Philosophie zu gelten.

zeit: Noch vor zwei Jahren vertraten Sie die These, die Erklärung des Bewußtseins könne sich dereinst als so einfach erweisen wie die Erklärung des Lebens durch die Entdeckung der Erbsubstanz DNA. Glauben Sie das immer noch?

Erben des Geistes

Die zweite Strategie ist beschwerlicher. Sie untersucht viele Komponenten, die zum Bewußtsein beitragen: Aufmerksamkeit, Kurzzeitgedächtnis, Wahrnehmung, Kognition, Reflexion, Introspektion. Wenn man erkennt, wie die Systeme zusammenarbeiten, kann man vielleicht beurteilen, welche Rolle das Bewußtsein spielt und wie es entsteht.

Francis Crick bevorzugt die einfache Strategie. Wenn er recht hätte - das wäre schon ein Ding. Aber heute habe ich weniger Hoffnung, daß er noch einmal so viel Glück haben wird.

zeit : Die Entdeckung der DNA hat zur Entwicklung der Gentechnik geführt, aber nicht unbedingt zu einem besseren Verständnis dessen, was Leben eigentlich ist. Wird das Ergebnis der Bewußtseinsforschung ähnlich sein: mehr Techniken, um Hirnschäden zu heilen, mehr Drogen - aber keine Erklärung des Geistes?

Churchland: Die Struktur der DNA hat die Frage beantwortet, wie Informationen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Die Natur des Lebens hat sie nicht erklärt. Die Frage nach dem Leben und die nach dem Bewußtsein unterscheiden sich ohnehin grundsätzlich. Niemand würde die Frage stellen, wozu Leben eigentlich notwendig ist. Aber man kann, man muß sogar fragen, wozu Bewußtsein notwendig ist, wenn man es verstehen will. Schließlich gibt es Lebewesen, die ohne so etwas wie Selbstbewußtsein gut überleben können.

zeit : Wie wird die Zukunft der Bewußtseinsforschung aussehen?

Churchland: Ich habe Francis Crick gefragt, ob er im Jahr 1953 ahnte, wohin die Entdeckung der DNA führen würde. Er wußte, daß er zusammen mit James Watson den Schlüssel zur Lösung eines wichtigen wissenschaftlichen Problems gefunden hatte. Aber er hatte keine Vorstellung davon, welche Auswirkungen das haben würde. Wenn ich jetzt schon wüßte, in welche Richtung sich die gegenwärtige Hirnforschung entwickeln könnte, wäre ich Investmentberaterin. Die verdienen mehr als Philosophen.

zeit : Ihr Bostoner Kollege Daniel Dennett hat prophezeit, daß die Menschen bald nicht mehr Kriege um Territorien, wegen ethnischer oder religiöser Konflikte führen werden, sondern wegen der Bedrohung, die die Bewußtseinsforschung für das Selbstbild des Menschen bedeutet.

Erben des Geistes

Churchland: Da bin ich optimistischer. Ich glaube, daß wir lernen, mit den neuen Erkenntnissen vernünftig umzugehen. Das mag daran liegen, daß ich vom Land komme. Meine Nachbarn, die Farmer sind, denken im allgemeinen sehr viel rationaler als viele Bewußtseinsforscher.

Die Gespräche führten Andreas Sentker und Ulrich Schnabel