Die zweite Strategie ist beschwerlicher. Sie untersucht viele Komponenten, die zum Bewußtsein beitragen: Aufmerksamkeit, Kurzzeitgedächtnis, Wahrnehmung, Kognition, Reflexion, Introspektion. Wenn man erkennt, wie die Systeme zusammenarbeiten, kann man vielleicht beurteilen, welche Rolle das Bewußtsein spielt und wie es entsteht.

Francis Crick bevorzugt die einfache Strategie. Wenn er recht hätte - das wäre schon ein Ding. Aber heute habe ich weniger Hoffnung, daß er noch einmal so viel Glück haben wird.

zeit : Die Entdeckung der DNA hat zur Entwicklung der Gentechnik geführt, aber nicht unbedingt zu einem besseren Verständnis dessen, was Leben eigentlich ist. Wird das Ergebnis der Bewußtseinsforschung ähnlich sein: mehr Techniken, um Hirnschäden zu heilen, mehr Drogen - aber keine Erklärung des Geistes?

Churchland: Die Struktur der DNA hat die Frage beantwortet, wie Informationen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Die Natur des Lebens hat sie nicht erklärt. Die Frage nach dem Leben und die nach dem Bewußtsein unterscheiden sich ohnehin grundsätzlich. Niemand würde die Frage stellen, wozu Leben eigentlich notwendig ist. Aber man kann, man muß sogar fragen, wozu Bewußtsein notwendig ist, wenn man es verstehen will. Schließlich gibt es Lebewesen, die ohne so etwas wie Selbstbewußtsein gut überleben können.

zeit : Wie wird die Zukunft der Bewußtseinsforschung aussehen?

Churchland: Ich habe Francis Crick gefragt, ob er im Jahr 1953 ahnte, wohin die Entdeckung der DNA führen würde. Er wußte, daß er zusammen mit James Watson den Schlüssel zur Lösung eines wichtigen wissenschaftlichen Problems gefunden hatte. Aber er hatte keine Vorstellung davon, welche Auswirkungen das haben würde. Wenn ich jetzt schon wüßte, in welche Richtung sich die gegenwärtige Hirnforschung entwickeln könnte, wäre ich Investmentberaterin. Die verdienen mehr als Philosophen.

zeit : Ihr Bostoner Kollege Daniel Dennett hat prophezeit, daß die Menschen bald nicht mehr Kriege um Territorien, wegen ethnischer oder religiöser Konflikte führen werden, sondern wegen der Bedrohung, die die Bewußtseinsforschung für das Selbstbild des Menschen bedeutet.