Nichts ist unmöglich. Aber die Wiederwahl von Helmut Kohl, nach sechzehn Jahren, ist unwahrscheinlich. Der Vorsprung der Sozialdemokraten ist einigermaßen konstant. Wunder, die das Blatt wenden könnten, kündigen sich nicht an. Die Demoskopen befassen sich lieber mit anderen Fragen: Können die FDP und die Grünen noch an der Fünfprozenthürde scheitern? Wer wird die drittstärkste Fraktion bilden? Wie wird die PDS abschneiden? Wie steht es um die Rechtsextremen?

Wer mit wem koalieren wird, die Frage wollen der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine und der SPD-Kandidat Gerhard Schröder nicht erörtern. Die Doppelspitze der Sozialdemokraten hat soeben bekräftigt, das sei erst nach der Wahl ein Thema. Vorrang habe eine "solide, stabile Regierung", sagt Lafontaine. Schröder will mit seiner Regierung "neue Pfade beschreiten". Dies kann in unterschiedlichen Formationen geschehen.

Aber ist das so selbstverständlich?

Passen heute Sozialdemokraten und Grüne so gut zusammen, daß man noch von einem "rotgrünen Projekt" sprechen kann - einem, das sich auch in die Tat umsetzen läßt?

Die Entwicklung der vergangenen Wochen und Monate nährt Zweifel an der Reformstärke und Belastbarkeit eines solchen Bündnisses. Das hat drei Gründe: die Stimmung im Lande und die beiden Parteien selbst.

Zunächst die Stimmung: Zwar ist der Wunsch der Deutschen nach einem Wechsel klar meßbar, auch das Bedürfnis nach einem neuen Mann an der Spitze. Doch eine Aufbruchstimmung von der Art, wie sie dem Briten Tony Blair und seiner New Labour zum Triumph verhalf, ist nirgends zu spüren. Schröder persönlich findet Zuspruch. Aber die Bürger identifizieren ihn nicht mit Reforminhalten, für die man sich begeistern und engagieren kann. Dafür ist Schröders "Bündnis für Arbeit" nicht verheißungsvoll genug. Und der versprochene Politikwechsel (Schröder: "keine Revolution") bleibt allzu abstrakt.

Dann ist da die SPD. Sie ist inzwischen einigermaßen erfahren im Umgang mit den Grünen. Die Allergien gegenüber den gar nicht mehr so Neuen haben abgenommen, seit langem ist die Partei bereit zur gemeinsamen Verantwortung. Der Kanzlerkandidat aber kümmert sich wenig um gemeinsame Inhalte, im Gegenteil: Wo er nur kann, setzt er andere Akzente als die Grünen - so sehr demonstriert er seine Unabhängigkeit vom künftigen Partner (und im Zweifel auch von der eigenen Partei), daß es an Geringschätzung grenzt.

Gleichwohl hat Gerhard Schröder gute Gründe dafür, die Koalition mit den Grünen vorzuziehen. Sie sind für ihn bequemer. Die Grünen würden zwei, höchstens drei Ministerien bestücken. Aus der Außen- und Sicherheitspolitik würde er sie fernhalten. Den "Einstieg in den Ausstieg" aus der Atomenergie können sie sich jetzt schon abschminken. Und sollte die Ökosteuer kommen, dann nicht ihretwegen, sondern dank Oskar Lafontaine. Umwelt, Jugend, Frauen, Bildung, das ist in Schröders Vorstellung - Modell Niedersachsen - der Spielplatz für grüne Minister. Und da in der Bundestagsfraktion der Grünen allseits geschätzte Finanz- und Sozialexperten sitzen, die moderner denken als manche langgedienten SPD-Abgeordneten, dürfte auch Platz sein für ein paar Staatssekretäre.

Den Grünen kommt das dürftig vor, zu Recht, Aufbruchstimmung kommt da nicht auf, eher schon Streit. Doch was können sie Schröders kaltschnäuziger Bereitschaft - Zusammenarbeit zu seinen Bedingungen - entgegenhalten? Wie stark sind sie im Vergleich zur "Kraft des Neuen"?

Die Grünen verfügen in den Ländern der alten Bundesrepublik über mehrjährige Koalitionserfahrung, sie stellen Bürgermeister und sogar einen Polizeipräsidenten. Die Partei hat die Ökologie und die Frauenfrage in der deutschen Öffentlichkeit durchgesetzt, keine der traditionellen Parteien kommt heute daran vorbei. Zwar hat das erweckte Alternativbewußtsein, sobald es an die Umsetzung ging, prompt noch mehr Bürokratie hervorgebracht und mitunter auch Filz, durchaus in der alten deutschen Tradition. Aber gemessen an der Vetternwirtschaft in roten wie in schwarzen Kommunen, bleibt der Unfug eher bescheiden.

Das eigentliche Problem ist, daß zusehends deutlich wird, wie schwach die Grünen als Partner sind. Könnte die SPD mit ihnen schwierige Reformprojekte durchziehen wie einst - bei knappster Mehrheit - die Ostverträge? Die Grünen wollen Distanz wahren zu den klassischen Parteien, die sich schwerlich zu erneuern wissen. Sie selber sind aber ebensowenig imstande, sich halbwegs zu modernisieren. Lokal und regional erzielen sie immer mal Erfolge. Aber die Auseinandersetzung um die Bundespolitik übersteigt sichtlich ihre Kräfte.

Zum Sinnbild ihrer Unfähigkeit wurde in den vergangenen drei Monaten der Magdeburger Parteitag, ein Drama, mit all seinen Verwicklungen und Folgen, etwa dem leichtfertigen Beschluß über den Bosnien-Einsatz, dem fatalen Hin und Her um den Benzinpreis, den mühseligen Reparaturarbeiten in der Zeit danach und schließlich den profilneurotischen Soloeinlagen des Selbstdarstellers Jürgen Trittin. Dies alles fügt sich zu einem Mosaik des Unfertigen. Die Grünen sind gemäß dem Peter-Prinzip, nach jahrelangem konsequentem Aufstieg, nun auf ihrem level of incompetence angelangt.

Wenn die Grünen erst einmal regieren, so hört man gelegentlich von gutwilligen Sozialdemokraten, dann werde das Elend ein Ende haben. Sie brauchten zur Parteibildung schlicht und einfach Regierungspraxis, mit der Verantwortung komme die Kompetenz. Da mag ja was dran sein, aber ist es das, was man sich unter "rotgrünem Projekt" vorgestellt hat? Und wie erklärt sich die Bereitschaft der Grünen, mit Schröder um nahezu jeden Preis zusammenzugehen, bis an den Rand der Selbstverleugnung? Resignierte Grüne liefern dazu eine ebenso schlichte wie einleuchtende Begründung: Wenn wir nach dieser Wahl in Bonn nicht mitregieren, fliegt unser Laden auseinander.

Rot-Grün 98: Was für Schröder Machtkalkül ist, wird für die Grünen zur Existenzfrage. Das wäre fürwahr ein bis zum Skelett ausgezehrtes Reformprojekt. Beide Seiten sollten davon, im eigenen und im höheren Interesse, die Finger lassen. Die Grünen würden nur noch Schröders Mehrheit für den Wechsel sichern. Doch wo wäre noch die Idee einer sozialökologischen Modernisierung der Republik erkennbar, die doch ein bißchen mehr ist als die Senkung von Spitzensteuersätzen, flächendeckende Deregulierung, Einsparungen beim Sozialetat und flottere Abschiebung ausländischer Krimineller?

Der Kanzlerwechsel allein, so wünschenswert er auch wäre, ist noch kein rotgrünes Projekt des Wandels. Dazu braucht es nicht einmal die Grünen.