Nicht nur in seinem Amt ist Volker Rühe ein weitsichtiger Mann. Auch in grundsätzlichen Fragen denkt der Verteidigungsminister manchmal voraus. So hat er schon vor einem Jahr beim Besuch der Regierungsbaustelle bemerkt, es sei "eigentlich schade, wenn man sich vorstellt, daß wir jetzt alles so schön machen und möglicherweise dann in Berlin gar nicht regieren". Das stimmt. Aber muß das so kommen?

Viel typischer für Rühe ist ein anderer Satz aus der Zeit der niedergehenden Koalition: "Bei mir ist vom letzten Gefecht nicht die Rede, ich werde noch einiges machen." Und daß ihn mit Gerhard Schröder mehr verbindet, als der Drang nach Höherem, auch das hat Volker Rühe längst zu Protokoll gegeben. Der SPD-Mann sei ein "Pragmatiker", mit dem man "gut über fachliche Probleme sprechen und dann zu Lösungen kommen" könne. Na bitte!

Nur noch abwarten will Rühe jetzt nicht mehr. Seit einigen Wochen schon trägt er Ungeduld zur Schau. Einer wie er, der auf der Hardthöhe einen ziemlich erbarmungslosen Führungsstil entwickelt hat, leidet besonders unter dem Mißmanagement, mit dem seine Partei der Wahlniederlage entgegentaumelt. Immer öfter meldet er sich jetzt zu Wort. Und weil er so lange öffentlich geschwiegen hat, zu allen wichtigen Fragen, die über sein Ressort hinausreichten, sind seine Wortmeldungen besonders interessant.

"Es sind Fehler gemacht worden", hat Rühe kürzlich im stern erklärt. Er selbst habe "immer vor dem Wunderglauben gewarnt, 1998 könnte alles so laufen wie 1994". Auf eine neue Rote-Socken-Kampagne sei ein erfolgreicher Wahlkampf nicht aufzubauen. Jetzt müßten die Leistungen der Regierung und die Leistungsträger der Union deutlicher herausgestellt werden.

Das klingt alles recht plausibel - und zugleich ziemlich belanglos. So zündend, daß die Union sich Hoffnung auf eine Wahlkampfwende machen dürfte, sind Rühes Vorschläge nicht. Im Grunde faßt er nur noch einmal die Nörgeleien zusammen, die seinem Nachfolger, Generalsekretär Peter Hintze, seit Wochen die Laune verderben. Solche Anregungen, so denkt man, werden intern besprochen und dann umgesetzt oder verworfen. Öffentlich lanciert, verschärfen sie nur das Dilemma, dem sie angeblich abhelfen sollen.

Ein Mann, der gern seine Ambitionen verschleiert

Es würde verwundern, wenn Rühe das nicht geahnt hätte - auch bevor ihn der Kanzler, wie berichtet wird, am Telephon für seine Kritik zurechtgewiesen hat. Aber vielleicht geht es ja nicht um die bescheidenen Vorschläge, sondern um die Wortmeldung an sich. "Am 27. September werden die Karten neu gemischt", wußte schon vor Monaten ein enger Vertrauter des Verteidigungsministers. Volker Rühe möchte gerne mitmischen. Darauf, nicht auf die unwahrscheinlicher werdende Wahlkampfoffensive, zielen seine jüngsten Äußerungen.