Als ich neulich im Moskauer Institut für Allgemeine Geschichte der russischen Akademie der Wissenschaften das Schwarzbuch des Kommunismus erwähnte, entgegnete mir der Direktor, dies bereite hier keine Freude. Ob es denn eine Debatte darüber gebe? Oder sollten wir, fragte ich, zusammen mit den Franzosen eine Veranstaltung zu diesem Thema organisieren, da es die Geschichte unserer Länder so belastet? Besser nicht, hieß die verlegene Antwort. Dafür sei die Zeit noch nicht gekommen.

Im vergangenen Sommer hatte ich zwei politische Seminare für junge Abgeordnete der Staatsduma und der regionalen Parlamente in der Umgebung von Moskau und in Rostow am Don zum Anlaß genommen, um die politische Elite nach ihrer Einstellung zu den Lasten der sowjetischen Vergangenheit zu fragen. Als Gast aus dem Westen wurde ich mit größter Zuvorkommenheit behandelt, doch zu hören bekam ich immer dasselbe: Wir haben genug von diesem Problem, wir sind seiner müde. Während der Perestrojka sei die Öffentlichkeit über sämtliche Verbrechen informiert worden. Das Thema sei erledigt, der Gegenstand erschöpft. Immer wieder hörte ich die die alte russische Redensart: "Laßt die Toten ihre Toten begraben." Heute gehe es darum, die Zukunft aufzubauen. "Die Vergangenheit liegt hinter uns."

Einer von ihnen, ein jüngerer Historiker, der mit gleichaltrigen Kollegen in Moskau verschiedene Quellenbände zum Stalinismus ediert hat, erklärt mir dies, daß der Schock über die kommunistischen Verbrechen während der Perestrojka durch die ganze Gesellschaft gegangen sei. Doch der romantische Aufbruch in ein besseres Morgen, in eine demokratische Zukunft, den die Perestrojka verheißen hatte, habe Revanche-Gelüste gegenüber der Nomenklatura erst gar nicht aufkommen lassen. Sie sei schließlich selbst von den Enthüllungen getroffen worden. Erst als das Wunder der Reformen ausblieb, als 1993 die Demokraten das Weiße Haus stürmen wollten und ein Jahr später der Krieg gegen Tschetschenien begann, da sei vielen klar geworden, daß es keine wirkliche Alternative zur Vergangenheit geben würde. Deswegen, so meint der Historiker Gennadij Bordjugow, sei die Gesellschaft heute in ihrer Einstellung zur Vergangenheit geteilt. Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit finde nicht statt, solange man selber in der Misere lebe.

Schuld hatten immer die anderen, nie der andere in mir

Die meisten Russen, die ich auf die russische Vergangenheit ansprach, verstehen sich als Opfer. In ihren Augen haben sie selbst, die russische Nation, das größte Opfer gebracht, verglichen mit den anderen Nationalitäten und Volksgruppen des Sowjetreichs. Auch für Angehörige der ehemaligen Sowjetrepubliken wie die Ukrainer oder Balten ist die Schuldfrage ebenso eindeutig: Die Verantwortlichen für das System waren die Russen, sie selbst die Opfer. Schuld hatten immer die anderen. Die Frage nach dem anderen in mir selbst wird nicht gestellt.

Kollektive Haftung für den mentalen und kulturellen Kontext, in dem die Massenverbrechen möglich wurden, gibt es in Rußland nicht. Man empfindet sich nicht als Erben des Geschehenen. "In die Geschichte zurückkehren" lautet deshalb Alexander Jakowlews Devise. Gorbatschows langjähriger Berater für ideologische Fragen - Jakowlew war Mitglied des Politbüros - meint, daß der sowjetische Kommunismus keine Geschichte gehabt habe und keine Geschichte gewesen sei. Jakowlew selbst würde am liebsten zu den Idealen der sozialistischen Internationale zurückkehren und dort neu ansetzen, wo diese, durch Krieg und Revolution, von einem kompromißlosen Herrschaftssystem überrollt wurden - einer Gewaltherrschaft, die die Bezeichnung Geschichte nicht verdiene.

"Wir sind aus der Geschichte herausgefallen" - lamentieren auch prominente Angehörige der Intelligenzija, womit sie sich von jeder Verantwortung reinwaschen. Die sowjetische Periode wird gleichsam aufgehoben - denn abschaffen, rückgängig machen kann sie keiner. Auch wenn der von Jakowlew geleitete Demokratische Fonds einige Dokumentenbände zur sowjetischen Geschichte herausbringt (Kronstadt, Katyn, GPU-NKWD), findet die Auseinandersetzung nicht statt. So hielten es die Gründer der neuen, vom Staat unabhängigen Europäischen Universität in St. Petersburg nicht für nötig, in den Lehrplan für das Studium der russischen Geschichte auch die Periode nach dem Oktober 1917 miteinzubeziehen. Es bedurfte westlicher Stimmen im Verwaltungsrat, die dem sonst so vorbildlichen Unternehmen die sowjetische Geschichte als Lehrfach geradezu aufdrängten.