Früher saßen nur Könige. Sie saßen in ihren Königreichen, ließen die Füße von den Thronen baumeln, und ihre Hände waren beringt und müßig, spielten in goldenen Falten, umfaßten silberne Kelche und hielten den Saum der Geschichte schön fest.

Dann kam eine lange Zeit, in der das Sitzen bei der Arbeit den Reichen vorbehalten war, den fleißig Zählenden; Zunge zwischen den Lippen, Rücken ganz leicht gebeugt und in den weiten, seidenen Ärmeln noch mehr Dukaten verborgen. (Und man schaute ein wenig scheel den Portraitisten an, der seinen Neid in die Mundwinkel malte, um noch ein geringes tiefer und schärfer... und gelb das Gesicht sowieso.)

Wir sitzen im Auto oder in der Bahn, wir sitzen beim Denken und Schreiben, wir sitzen beim Essen und Baden, beim Feiern und Reden, beim Trinken sowieso. Das beschert uns so schöne Wörter wie den "Bandscheibenentlastungswürfel", drehbare, gepolsterte Bürostühle und gesenkte wie gespreizte Plattfüße. Wir sitzen natürlich beim Fernsehen und schauen den anderen beim Laufen zu und rufen: "Schneller, du Sack! Du hast wohl Blei in den Schuhen?" Sie sollen rennen, die Kerls!

Und hinterher, im Überschwang, sehr wohl die Trikots tauschen. Der politische Takt dreht seltsame Pirouetten, wenn sich die Moslems und Scheichs einfallen lassen, es wäre ihren Weibern gar nicht zuzumuten, den nackten Bauch von Klinsmann zu sehen. Oder die unbehaarte Brust! Sie haben - wie Männer ja gern - vergessen, daß auch sie selbst einmal geboren und gewindelt und gewickelt wurden, ein hinfällig Wesen waren und in den bloßen Po geimpft. Jetzt sollen die Frauen geschützt werden vor dem, was ihre Männer nicht wissen wollen, und diese Nebenmaßnahme des Irrsinns läuft als Gebärde globaler Rücksicht durch. Dabei gibt es, neben dem Knie, ja nichts, was weniger erotisch wäre als eine Männerbrust und so gewissermaßen allgemeiner. Die Män-nerbrust ist ein nur ontologisch interessantes Stück Knochen und Fleisch, gerade noch für Bildhauer der Renaissance und Hrdliˆka von Reiz.

Glücklicherweise hält sich kaum jemand daran. Sie ziehen das Trikot über den Kopf und laufen die letzten Runden, so lässig und nebenbei, wie es nur Jäger und Flüchter können. Wir schauen ihnen zu, beleibte, begeisterte Sofatiere mit orthopädischen Sorgen. Die Metzger im alten Ägypten trugen Absätze, um nicht mit den Füßen im Blut zu waten; alle anderen wanderten auf ihren Sandalen durchs Leben. 1533 heiratete die kleine Katharina von Medici in hohen Schuhen in Paris, und der Status des Schuhs zum Sitzen war endgültig etabliert. Zuerst für Könige. Wir sind nur noch im Herzen barfuß: wenn wir lieben.